Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
371
Einzelbild herunterladen
 

Hartmann v. Aue u. Wirnt v. Gravcnbcrg.

371

da das Werk, wie cs überhaupt in alle Welt und bis nach England,Schweden und Dänemark Zugang gcfunvcn, anch bei uns in verschiedenenDrucken und zahlreichen Handschriften verbreitet ist, auch durchwegden Charakter dieser britischen Dichtung trägt, nicht näher aualysircu.Von epischer Anlage oder innerer Bedeutung ist darin nichts zu suchen,und wenn wir, bei wiederholter Anerkennung der schönen Natur desDichters und seines schönen Talentes, den poetischen Werth auch diesesseines jüngsten Werkes gering anschlagcn, so glauben wir, daß beidessich einfach aus der Art dieser Dichtungen rechtfertigt, die mehr durch dasGcmüthvollc der Dichter als durch deren Kunstsinn wirken. I. Grimmhat in kurzen Zwischenräumen ein ungünstiges und ein günstiges Urtheilüber den Jwein gefällt, und nichts scheint natürlicher als dies, bei denmeisten Werken jener Dichter, zu denen man durchaus glücklich die rechteStimmung mitbringen muß, da sic selbst nicht im Stande sind, in diebestimmte Stimmung zu versetzen, die sic verlangen. Dies liegt darin,daß neben der durchaus schwachen und matten Form zugleich der Inhaltuns abstößt, der jene bedingte. Alles Große in Thaten, alles Hoheund Kräftige in Worten, alles Erhabene in Gesinnungen muß man indieser Dichtungsreihc vergessen, wie sollte der beste Dichter hier etwasGutes leisten? Alle gewaltsamen Eingriffe des Schicksals, jede Furcht-barkeit des Unglücks , alle Gefahr des Glücks, Alles was große Be-gebenheiten und Wendepunkte, was bedeutende Charaktere, was merk-würdige Collisionen in der Poesie wie im Leben schafft. Alles ist hierganz verschwunden, und Nichts bietet nicht allein dies Eine, sondernauch die ganze Masse dieser britischen Epen, was ein kräftiges Herzlocken oder begeistern könnte. Eine LicbeSintrigue, so matt, so leicht wiesie nur eine dürftige Romanphantasic ersinnen kann, ist Alles; die Wun-den der Liebe sind hier gefährlicher als die durch die Schwerter, und dieNiederlage durch sie rühmlicher als der Sieg mit den Waffen. Und selbsthier ist wieder die beleidigende Gemeinheit in den weiblichen Charakterendieser britischen Dichtungen abschreckend, die auch die Kunst des Chrctienvon Troyes und das Wenige, was Hartmann's Eigcuthum dabei ist,nicht ganz verdecken konnte. Schon Dichter jener Zeiten haben sich beider Entschuldigung des Wankelmnths der Laudine, die so schnell denMörder ihres Mgnnes heirathct, nicht beruhigt, obwohl man zugcbcnmuß, daß diese Stelle bei Hartmann wie bei Chretien von Troyes durch

Lkevalior au liou von Chretien von Troyes aus der Hs. der k. Bibl. iX. 1891.ku>. SU). Ein großer Theil desselben auch in Keller's Romvart p. 513 ss.

24 *

Luggl.