Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
367
Einzelbild herunterladen
 

Hartmann v. Aue u. Wirnt v. Gravcnberg.

367

Aber wenn man sich alles dies anzuerkennen mit Freuden bereiterklärt, wurde nicht unser Hartmann selbst zufrieden und befriedigtsein? würde er seine Kunstwerke noch aus weiteren Gesichtspunkten an-gepricsen verlangen, aus Gesichtspunkten, die weder er selbst noch seineZeit kannte oder berücksichtigte? oder sollen wir umgekehrt, nachdem wiraus dem Standpunkte jener Zeiten diesen Dichtungen ihr Recht wider-fahren ließen, sie nicht auch aus unseren weiteren oder engerenansehcn dürfen, da doch jene Zeit und jenes Geschlecht verschwunden,da doch jene Dichtungen mir eben noch für uns und für die nach uns dasind, die sie ihrerseits wieder nach ihren Ansichten beurtheilen werden?Und hier werden wir eben bedauern müssen, daß alle diese und ähnlicheKunstwerke allzusehr die Erzeugnisse einer abgeschlossenen Mcnschenelasseund einer beschränkten Zeit sind, als daß sie allgemeinen Werth undReiz auch bei späteren Geschlechtern hätten haben können. Den Griechenwar cs gegeben, in ihren Dichterwerken einen Götterhimmel zu öffucn,der sich in den christlichsten Zeiten in der Kunst behauptete; sic stellteneine Weltansicht auf und lehrten eine Moral, die sogar den tüchtigstenMännern dieser ritterlichsten Zeiten wie den wackersten Charakteren derReformation Ehrfurcht gebot, in Zeiten also, wo man gewiß in jenerverschiedene Weltansichten, in dieser eine verschiedene herkömmliche Moralhatte. Allein wenn es uns heute schon schwer hält, jenes asretischeChristcnthum selbst von religiöser Seite her nur zu begreifen, sollen wires denn moralisch gut heißen oder gar ästhetisch bewundern? Wenn wiruns heute bestreben, endlich und endlich den Menschen wieder von allder Unnatur, die Convention und Ceremoniel, Rang ünd Titel seit demheidnischen und dem heiligen römischen Reiche in die Welt brachten, zu ent-kleiden, sollen wir da das schönste Hofleben, das immer auf nichts alsauf Convention ruht, Preisen, wo eS uns gilt, endlich wieder die Hand-lungen der Menschen frei ans dem reinen Quell der Natur fließen undvon gesunden Grundsätzen geleitet zu sehen. Alle Kunst soll daraus aus-gehen, den Menschen und die Welt die sie schildert von dem Zufälligenzu entkleiden, sie in möglichst reiner Gestalt darzustellen. Die Altenlitten schon nicht die natürliche Hülle persönlicher Besonderheit zustark über ihren dichterischen Gestalten, was soll man sagen, wenn hierdie seltsamsten Eigenheiten der christlichen Rcchtgläubigkeit und ihrewunderthätigeu Einflüsse aus die menschliche Seele den Inhalt der Dich-tung gestalten, wenn die ohnehin so schwer zu ergründende Natur desMenschen hier mit der Decke der religiösen Schwärmerei oder des ritter-lichen Hosgesetzes verhängt wird? Für unseren heutigen Verstand ist cs