Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
348
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348 Blüte der ritterlichen Lyrik und Epopöe.

nicht allein durch Andeutung ihrer Schicksale, es könnte auch durch dieZeichnung ihrer Charaktere geschehen. In der Ilias werden wir schonauf den Odysseus gespannt, der in der Odyssee austritt; wir könnten ihnerrathen aus den wenigen Zügen, die ihn dort schildern. Man rufe sichden Telemach ins Gedächtniß, ob wir ihn nicht als Knaben, als Mannuns denken können. Man versuche dagegen das Aehnlichc mit den Hel-den unseres Epos, wie viel schwerer dies sein wird, man versnche es miteinem Tristan, wo mau geradezu unmöglich finden wird. Dennochmuß mau gestehen, daß die Charaktere, oder die Gruppe vou Charak-tere», welche in den Nibelungen auftrcten, ihr größter Vorzug sind.Stellen sie auch nicht in der Maunichfaltigkeit, wie das homerische Ge-dicht, den menschlichen Charakter überhaupt in seinen Haupteigcnschafteudar, so kann man uns doch schwerlich ein anderes Gedicht nennen, worindies annähernd so sehr geschieht wie hier, und wir zweifle», daß manselbst den Ariost hier nennen darf. Wenigstens erscheinen die Hauptscitcndes Nationalcharakters vortrefflich: in dem jungen Siegfried arglose,harmlose Ehrlichkeit, in dem männlichen Dietrich die weise, ruhige, fastbedächtige Uebcrlegung und besonnene Kraftübung, im greisen Hilde-brand berathende Treue und Gerechtigkeit, zu der, wenn man die Zügeaus anderen Gedichten anführen darf, derbe Geradheit und natürlicheHeftigkeit hinzukommt.

Wer unsere obigen Erörterungen über das Entstehen des Volks-epos in Deutschland im Gedächtniß hat, und die wenigen Betrachtungenhier mit dem dort Gesagten vergleicht, dem glauben wir hinreichendeWinke gegeben zu haben, um über den Werth der Nibelungen, und überdie Umstände, die diesen erhöhen und beschränken können, richtig zu ur-theileu. Sollen wir auch noch ein Wort über ihren Gebrauch und überdie gewöhnliche Beurthcilung sagen, so möchten wir denen, die blospoetischen Genuß und Unterhaltung suchen, eS nicht so unverträglich ver-argen, wenn sie sie gering schätzen, desto mehr aber denen, welchen dieGelegenheit zur Erwerbung der Hülsskenntnisse gegeben ist, die hier un-entbehrlich sind, und die aus Bequemlichkeit und Oberflächlichkeit aufunser ehrwürdiges Volksgedicht vornehm herabsehen und je unwissendersie sind, desto anmaßender aburtheilcn. Was den Gebrauch angeht, sohat Schlegel^) ganz vortrefflich darauf hingewicsen, daß dieses Ge-dicht und die damit verwandten vorzüglich gut dazu dienen könnten, den

333) Deutsches Museum I, p. 3S ff.