Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
347
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Nibelungen und Kudrun.

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ja sie müßten dem, der außer den Nibelungen nichts aus unserer Sagekennte, ganz wunderlich erscheinen, da in dem Gedichte selbst nichts liegt,was uns ihre entscheidende Wichtigkeit erklärte. In unserem Gedichte,obgleich es gegen die Enge der Romane so weit scheint, ist nicht wie imHomer die Gelegenheit gegeben, dem Leser für die Helden durch die wei-ten Verbindungen, in die sie gestellt sind, Thcilnahme zu erregen. Homerhat die ganze ruhmvolle Vergangenheit von Griechenland, Thracien undKlcinasien zu seiner Verfügung; wir kennen die Väter, die Ahnen undUrahnen seiner Helden. Er darf uns jene Helena in den Hintergrundrücken, wir wissen, welchem großen Geschlechte sie angchört, wer ihreBrüder sind, wie sie die Quelle der Geschicke der Völker ist. Er zeigt unskaum in mehr als einer Scene die Andromache, allein wir wissen dannihre Herkunft, das schreckliche Schicksal ihrer Verwandten und ihrer Hei-mat, ihren gegenwärtigen Ruhm, ihre Hoffnungen, ihre Freuden undLeiden und wir erfahren den Anfang und ahnen daS Ende ihres trauri-gen Looses. Ja selbst mit dem Innern weiß er zu fesseln, oder wer wärenicht gerührt von der kaum erscheinenden Nausikaa, die spätere Dichtertrösten zu müssen glaubten, indem sie ihr den Telcmach znm Gatten ga-ben. Allein eine ähnliche Thcilnahme uns einzuflößen, gelingt nicht ein-mal der so mächtigen Brunhilde, gelingt auch Dietrich und Hildcbrandnicht, oder erst dann, wenn wir gelehrte Kcnntniß anderswoher mitbrin-gen. Der Reichthum der Verhältnisse, der Umfang der Sage, die Man-nichfaltigkeit der Episoden, Alles, was einem epischen Gedichte erst Lebengibt, geht den Nibelungen ab, und damit dem Dichter das Mittel, aufso endlos verschiedene Weise zu fesseln, und seine Erzählung mit immerneuen Reizen zu schmucken. Der griechische Dichter verweilt auf dein,was uns das Wichtigste scheint, auf dem Tode des Hektor oder derglei-chen, nicht länger oder nicht so lange als auf mancher unwesentlichenEpisode, das Große liegt immer nur in den Verhältnissen, in denen Wir-rnis umdrehcn, nicht in den geschilderten Begebenheiten, nicht in künstlichgeschürzten Knoten, nicht in spannenden Erwartungen, nicht in der Ent-faltung der Charaktere, was Alles das ist, womit die Nibelungen wir-ken. Hier soll uns immer Alles zugleich, ein Vollendetes dargestelltwerden, und wir hören von Siegfrieds Jugend und Tod, wie vonKriemhildens. Offenbar wäre, was die Burgunden angcht, diesem Miß-stand abgeholfen, sobald in dem älteren Gedichte die Begebenheiten indem ersten Theile wegfielcn und blos angcdeutet und vorausgesetzt wür-den; in Bezug auf Dietrich und Hildebrand aber müßte ein Blick aufdie Zukunft, wie auf ihre Vergangenheit geworfen werden. Dies sollte