Nibelungen und Kudrnn.
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was noch den Dichtern des 12. Jahrh. klar und bestimmt Vorstand,denen des dreizehnten anfing unbegreiflich zu werden; die innere Be-deutung von Alcranders Leben und Treiben, die noch Lambrecht mitsolcher Schärfe durchschaute, verschwand vor dem Sinne der Rudolfeund Ulriche.
Bei diesem Verhalt der Sache darf man, scheint cs, zwischen zweiWünschen schwanken: möchte doch entweder ein älteres Gedicht in nochstrengerer und auspruchloserer Form, diesen einfachen Gang der Fabel,wie man ihn aus der Quelle der Klage crräth, verfolgend, uns erhalten,oder möchte es dem letzten Bearbeiter geglückt sein, mit der Einführungvon so vielem Schmucke, der an seine ritterliche Zeit erinnert, zugleichSprache und Vortrag höher zu heben; wir meinen, möchte er lieber dasAlte unverändert gelassen, oder, wollte er einmal ändern, möchte er dochgeradezu etwas kecker geändert und wenn auch nur mit so viel Geschickgearbeitet haben, wie, scheint cs, Der dem die Kudrun zuletzt durch dieHände ging. Einen letzten Dichter von einigem bedeutenden willkür-lichen Einfluß anzunehmen, scheint uns in einer Zeit ganz subjeetivcrDichtung natürlich, so wie nach allen angegebenen Schicksalen unsererPoesie fast unerläßlich; jede andere Vorstellung führt auf eine wunder-bare Entwickelung des Volksgesangs, die kein Geschichtschreiber brauchenkann. Dieser letzte Dichter oder Ordner hinterließ uns das Gedicht ineinem Zustande, dessen Ungleichheit und innere Widersprüche nach Formund Inhalt schon von den Zeitgenossen in einzelnen Punkten und Be-ziehungen empfunden, und schon vor 1225 durch zwei neue Uebcrarbei-ter^) mit einiger sachlichen und stilistischen Nachhülfe zu bessern gesuchtwurden. Den großen Zwiespalt aber, den daS Gedicht in allen Bearbei-tungen gleichmäßig zwischen Form und Stoff in sich trägt, konnten diesegeringen Aufbesserungen freilich nicht tilgen. Er ist so schneidend und sounangenehm, wie der ähnliche Zwiespalt in den ritterlichen Epopöen,obgleich das Vcrhältniß das umgekehrte ist. Dort finden wir die größteArmut im Stoffe, aber den prächtigsten Rcichthum in der Darstellung;hier aber ist der Stoff viel mannichfaltiger und größer, aber die Dar-stellung desto dürftiger. Hier dürfen wir nicht über kleinliche, armseligeGegenstände klagen, eine einzige gewaltige Handlung eröffnet sich groß-artig in allen ihren Thcilcn. Dort sahen wir die Dichter mit pomphaftenWorten ihrer mageren Erzählung vorangehen, hier leiht das Gedicht
33S) St. Galler Hs., AuSg. von v. d. Hagen 18-iK, und die Laßbcrgische indessen Liedcrsaal, 4. Bd. — Die älteste Hs. ist die Hohenemser, jetzt in München.