Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
338
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Z38 Blüte der ritterlichen Lyrik und Epopöe.

11901210 ungefähr die Gestatt wie die meisten Stücke unseres Ge-dichts haben mußten. Auf diese Art erklärten sich die Widersprüche,selbst die handgreiflichsten, freilich am einfachsten, was schon schwierigerwäre, wenn dem Sammler bereits eine schriftliche Quelle, eine andereSammlung Vorgelegen hätte. Auf eine solche Quelle beruft sich dasGedicht nirgends, und man wird wohl geneigt, sie am kürzesten mitLachmann zu leugnen, obgleich das Ungeschick der Dichter jener Zeitenso augenscheinlich groß ist, und das unseres Sammlers groß genugbleibt, um auch das Ungeschick eines Umdichters sein zu können; ob-gleich es auch an einem gelegentlichen Widerspruche in der Kudrun nichtfehlt, worin man sich doch an einer verlorenen Stelle auf ein Buch be-ruft, die auch in einem anderen Sinne verloren sein könnte. Wie esauch sei: der Ton dieser Gedichte liegt in einem solchen Gegensätze gegendie Literatur des l2. und 13. Jahrh., daß man immer auf die Klageund den Wunsch geführt wird, es möchte uns doch aus früheren Zeiten,und wenn nur aus dem Anfänge des 12. Jahrh. irgend eine Urkundeerhalten sein, die unö eine Vorstellung gäbe, wie diese Lieder lauteten,ehe sie in Berührung mit der höfischen Dichtung kamen, und wie sichdie große Kluft ausfüllt zwischen dem Hildebrandliede und den Nibe-lungenliedern, die wir besitzen. Denn die Stumpfheit und dorischeSchwerfälligkeit des Vortrags in diesen Liedern der südlichen Gegenden,die die Sage pflegten, ist auffallend genug, wenn man bedenkt, daß ge-rade in Oesterreich die verschiedenartigsten Minnedichter und bald auchdie gewandtesten Erzähler zu Hanse sind, eben in jenen Gegenden, diesich der alten Stammsage jetzt wieder annahmen. Je schwerer es fällt,auf die Entdeckung einzelner älterer Lieder zu hoffen, die ihrer Beschaffen-heit nach leichter verloren gehen mußten, desto mehr hängt man dann andem Wunsche, es möchte uns noch eine ältere Sammlung aufgefnndenwerden, die ja auch, in anderer Gegend entstanden, unserem unabhän-gigen Sammler unbekannt geblieben sein könnte.

Und dies ganz besonders der Winke wegen, die uns das Lied vonder Klage gibt, das die Sage anders gestaltet kenntals unsereNibelungen, lieber dieses Gedicht ist Lachmann nunmehr der Meinung,daß die geschriebene Quelle, die der Dichter vor sich hatte, nichtmehr und nichts wesentlich anderes enthielt, als unser erhaltenes

32g) Vgl. E. Sommer in Haupts Zeitschrift 3, 133. Die neueste Ausgabeist von v. d. Hagen» Berlin 1852. Von ihm auch die erste Uebertragung ins Neu-deutsche. Berlin o. I. (1852).