Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
336
Einzelbild herunterladen
 

Z36 Blüte der ritterlichen Lyrik und Epopöe.

über die allgemeine Beschaffenheit desselben nicht streitig sein, die sie alleans ähnliche Weise erfahren haben; im Einzelnen einig zn werden könnenmir Zwei nicht hoffen, da Einer und derselbe zu verschiedener Zeitnicht kann, es müßte sich denn der Zweite dem Ersten ganz vertrauen.Diese letztere Partie zu ergreifen, sich der Führung des Kundigsten ganzhinzugeben, rathen wir jedem, der sich nicht mit und bei einer Ansichtdieser Gegenden in Vogelperspcetivc beruhigt; wir führen ihn zu demEingänge und dem Führer und harren seiner Wiederkehr, um ihn unserer-seits in Hellen Gebieten der eigentlichen Geschichte weiter zn geleiten.Lachmann hat die (20) Nibelungenlieder nach seiner» kritischen Scheidungund Reinigung zusammengcstellt, und sie sind in dieser Gestalt^') nunauch dem größeren Publicum zugänglich geworden. Die Gedichte,denen ein so schlechter Sammler im Anfang des 13. Jahrh. zu Theilward, verdienten cs, daß nach sechs Jahrhunderten in der Zeit einesreineren Geschmacks ein feinerer Ordner sie aufs neue sichtete. Die Ge-schichtschreibung der Literatur kann Lachmaun nicht würdiger ehren, alswenn sie ihm diesen Ehrennamen zuerkeunt, und ihn so in eine organi-sche Verbindung mit der Geschichte dieser Gesänge selber stellt. DerLeser, der nach reinem Genüsse sucht, und den auSgcschiedenen Theilmit dem ganzen Wüste der nachlässigen Tertc vergleicht, die unö erhaltensind, wird sich nicht bedenken, diese neueste und reinste Gestalt zur Handzu nehmen, die dem Gedichte gegeben worden ist. Nur für eine hcrge-stellte ältere und ursprünglichere Gestalt darf er diese neue Reinigungfreilich nicht mit zu viel Verlaß anuehmen; hat doch selbst Haupt eS füreine Sache der Unmöglichkeit erklärt, die Nibelungenlieder aus der letztenBearbeitung der Sammlung mit Sicherheit und im Einzelnen über-zeugend auSzusoudcrn. Lachmann's Kritik geht von der AnsichteinerVollkommenheit des ursprünglichen Epos" aus, die wir immer unstatt-haft gefunden haben, wofür sic jetzt zu unserer äußersten Befriedigungauch I. Grimm erklärt,^) der Mann der ächten wissenschaftlichenForschung, dem cs allezeit um Wahrheit und nicht um Rechthabcn galt.Wenn aber diese verfehlte Grundansicht schon die Richtigkeit des ganzenEndzwecks der Kritik der Nibelungen in Frage stellt, so wird die weitereEntdeckung I. Grimm's, daß Lachmann, wie er schon bei seiner Be-handlung der melischen und sccnischen Gedichte der Alten liebte, die

326) Hahn, die echten Lieder von den Nibelungen nach Lachmamüs Kritik.Prag 1851.

327) Rede auf Lachmann. Berlin 1851.