Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
335
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Nibelungen unv Kudrun.

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läge nach Zeugnissen der Geschichte und nach Vermuthungen aus derletzten formellen Gestalt reden können, die wir nun in der Zeit ihrer Ab-fassung erreicht haben und mit der wir nnS daher nur iu formeller Hin-sicht hier beschäftigen. Welche Umwandlungen die Sage seit ihrer erstenBegründung in der Geschichte durchlebt hatte, ließ sich iu einer geschicht-lichen Darstellung, die überall das sichere Allgemeine dem unsicherenBesonderen vorzieht, nur von weitem andeuten; aus die verschiedenendichterischen Gestalten und Farben, die sie angenommen haben mochte,ließ uns zuerst das Hilvebraudliev, dann der Waltharius rathcn. Vonda an haben wir kein Mittelglied bis zu unserer Sammlung, die wirnoch heute lesen. Wir haben oben gehört, daß im 12. Jahrh. die Zeug-nisse in Gedichten und Geschichten häufiger wicderkehren: sie scheinensich immer ans einzelne Lieder zu beziehe», die von blinden, von fahren-den Sängern noch wie vor Jahrhunderten umgetragen wurden. 'Daßdiese verloren gingen ist wohl erklärlich; ihr Verlust aber ist im höchstenGrade zu beklagen. Wie sie beschaffen sein mochten, ob sie sich schon ingrößere Gruppen verbunden, in wie weit sich Lieder von Siegfried schonmit denen von Dietrich, Günther und Attila vereint hatten, darüberfehlen uns sichere Nachweisungcn.

Ans dem Zustande aber, indem wir unsere Sammlung von Ni-belungenliedern kennen, lassen sich nicht geringe Vermuthnngen ziehenüber die Gestalt, die unser Gedicht einige Jahrzehnte rückwärts gehabthaben mochte. Wir wollen auch hier, wo ein so scharfsinniger Forscherwie Lachmann die Hanptautorität ist, unsere eigene Meinung um somehr im Hintergründe halten, und inehr die letzten Ergebnisse der Unter-suchung berichten, als diese von den früheren Ansichten desselben Forscherswesentlich verschieden sind. So hat sichdauch I. Grimm, der die An-wendung von Wolfs Ansichten über Homer auf die Nibelungen immergebilligt hatte, neuerdings von Lachmann'ö Standpunkte abgekommenerklärt, der ihm die Grausamkeit der Kritik zu weit trieb, die zwar Un-ächtes ausscheiden, aberdas Aechte nicht wicderschaffen kann." DieserWechsel der Ansichten selbst bei diesen gediegensten Kennern ist so natür-lich, wie daß Niebuhr's Urgeschichte von Rom zu anderer Zeit anderslautete; solche Gebiete gestatten keine andere Oricntirung. Jeder Ein-zelne, der sie durchstreift, gerätst aus andere Richtwege und Irrwege;ein und derselbe Mann, der bei einem zweiten Entdeckungszuge denAriadnischen Faden verschmäht, den er sich beim ersten Male geknüpfthatte, wird dasselbe Schicksal haben. Die Verschiedensten sehen dieslabyrinthische Gebiet von den verschiedensten Seiten und können nur