Minncgesang.
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Demi wenn die Liebe das ganze Wesen eines Mannes im eigent-lichen Sinne dauernd beherrscht, dann verleugnet er seine Mannesnaturund geräth in die Sphäre des Weibes, das von diesem Einen Gefühlesein ganzes Leben bestimmen läßt. Den allgemeinen Charakter desWeiblichen trägt aber die Cultur der Zeit, mit der wir uns beschäftigen,die ja selbst einen weiblichen Gott anbetcte, im Gegensätze zu der männ-lichen griechischen, ganz entschieden in allen ihren Theilen; und so hatauch diese lyrische Dichtkunst die Züge der Weiblichkeit, die sich in Em-pfänglichkeit und Reizbarkeit, in der Richtung nach dem Allgemeinen, inder Freude an dem Ganzen der Natur, in selbstgenüglicher Beschränkt-heit, im Gefühlsleben und in tausend anderen Zügen (man dürfte in derForm den Reim, ein ganz weibliches Prinzip, hinznrechnen) kund geben.Ganz anders die griechische Lyrik. Die Kunst der Alten trägt einen ganzmännlichen, thätigen, wirkenden Charakter; dem künstlerischen Geniusder Griechen war nichts zu hoch und heilig, er ordnete sich Altes unterund webte über ihrem ganzen Treiben und Leben, denn seine Zengungs-kraft übertraf die einer jeden andern Geisteskraft unter ihnen. Hier rangsich die Kunst empor zu einer gesetzgebenden und sittengestaltenden Macht,in Deutschland und überall in der neuen Zeit kam sie fast nie aus derDienstbarkeit; Christenthnm, Ritterthum, Frauendienst lenkten die Poesieans eine vorgezeichncte Bahn, während sie in Griechenland je schranken-los blieb. Den erobernden, männlichen Charakter hat die Lyrik derGriechen, wie ihre gesammte Kunst, und jenes Element der Liebe, dasbei ihnen nur nicht das Vorherrschende, geschweige das Einzige ist, hatihn eben so. Sie steht nicht in bestimmter Beziehung mit dem geistigenLeben des Griechen, aber sie steht in der engsten mit seinem Auge undseiner sinnlichen Empfänglichkeit, was, wir mögen von welcher Seitewir wollen, aus den Grund der Verschiedenheit alter und neuer Kunstznrückgehen, immer das nnterscheidendste Merkmal bleiben wird. DieseLieblinge der Natur sahen und hörten und empfanden ganz anders alswir. Die glücklichste Mischung von Allgemeingesühl und individuellerSelbständigkeit gab den Werken ihrer Kunst und Literatur jene Anmuthund Freiheit, jene Ruhe und Bewegung zugleich, nach denen wir Spä-teren vergebens ringen und streben. Gegen diese feine Sinnlichkeit habendie Deutschen ihre Gemächlichkeit zu setzen, und wenn wir streng scheidenwollen, so können wir sagen, jene fehlt den Germanen und diese denHellenen. Wenden wir das ans die Liebe an, so finden wir, daß diesinnige des Deutschen mehr dem Weibe, die sinnliche des Griechen mehrdem Manne entspricht. Wir finden hier in dem Weibe eine Strenge,