302 Blüte der ritterlichen Lyrik und Epopöe.
Alten; sie schrecken uns in uns zurück, sie erzeugen die unbestimmte Sehn-sucht nach einer Gefährtin, die uns die Lasten des Lebens tragen Hilst,und diese Lasten kannte der Grieche so wenig, wie unser eheliches undhäusliches Glück. Ohne das Weib wäre für jede feinfühlende Seeledas heutige Leben nicht zu ertragen, und es war eine wunderbare undwohlmeinende Fügung des Schicksals und der Vorsehung, daß, als siedie Ordnungen der alten Welt und mit ihnen den Seelenadel der altenMänner zerstörte, sic die Frauen aus ihrer Unterordnung hcraushob undzur Herrschaft über die Gemüther berief, ohne welche die neue Welt inGemeinheit der Bestrebungen aufs tiefste hätte hcrabsinkcn müssen. Nichteinmal da, wo das Weib aus dieser schönen Bestimmung heranswichund seine Unabhängigkeit mißbrauchte, hat sich das Leben auf eurer Höheerhalten können, die dem menschlich Empfindenden genügte. Nur wodas Weib, indem man ihm jene größte und schönste Gewalt cinräumte,von jeder Anmaßung einer weiteren Herrschaft abstand, nur wo eS dieserAufopferung des Mannes jene andere entgegenbrachte, mit der sich jederacht weibliche Charakter des Mannes und seiner Bedürfnisse pflegendannimmt, nur wo häusliche Tugend im Weibe aufrecht erhalten ward,nur da füllt das Weib die würdige Stellung würdig aus, die ihm dieNatur angewiesen hat. Wir dürfen es freudig sagen, kein Volk der Weltkann sich in alter und neuer Zeit hier mit uns vergleichen. Und mögenChristenthum und Natnranlage zur Erschaffung und ersten Gestaltungdieses Verhältnisses in der neueren Gesellschaft daö Frühere und Wesent-lichste gethan haben, so ist es gewiß, daß erst das ritterliche Leben unddiese ritterliche Minnedichtung demselben seine Blüte gegeben, so wiehernach die folgende Zeit des bürgerlichen Hausstandes erst die Reifehinzugab.
Dieselben Regungen, die den Menschen bei dem Heraustreten ausdem thatenlustigen Knabenalter in die Zeit der ersten geistigen Bewegungund gemüthlichcn Innigkeit ergreifen, bestimmten damals die Verände-rungen in dem Leben und Treiben der Ritterwelt, in ihren Liedern undDichtungen. Daß diese Regungen sich zuerst und vorzugsweise diesesStandes bemächtigten, war natürlich; für den geistlichen Stand solltedie irdische Liebe zu materiell sein; dem bürgerlichen, der noch kaum be-stand, lagen die geistigen Verschönerungen eines körperlichen Triebes inzu idealer Ferne. Die neuen Verhältnisse, die an den Meeren Verkehrund Rührigkeit nährten, die Mischungen der Völker, die Vergleichungbyzantinischer und orientalischer Zustände, die kreuzritterlichcn Kämpfeum einen ganz idealen Gegenstand betrafen den Ritterstand zuerst und