ZN4 Blüte der ritterlichen Lyrik und Epopöe.
ungleichsten Werth, der auf den ersten Blick zu unterscheiden ist; unterden Minneliedcrn kann man Hunderte zusammenstellen, die zu trennenschon ein sehr scharfes Auge erfordert. Die Leidenschaft der Troubadoursist größer und wilder; nichts ist da von der Schüchternheit der Deut-schen; ihre Leidenschaft bricht sich Bahn und schafft sich Lust, und nichtsweiß man z. B. hier von dem Verbot, den Namen der Geliebten imLiede zu nennen. Unter dem vielen Leichtsinn erscheint dann das wenigeEdle höher. Wo ihre Liebeslieder Treue und wahre Empfindung ath-men, ist man von der Wahrheit überzeugter, als in den deutschen Minne-liedern, in denen sich Anbetungen und Schwüre im conventionellen Stilezu oft wiederholen. Unter so vieler Eifersucht, zwischen Reibungen, Prü-fungen, getäuschten Erwartungen, Uebcreilungen, Bcreuungen, Rachenund Strafen, die wir zwischen den Liebenden vorfallen sehen in den Lie-dern der Troubadours, tritt das wenige Reine ebensowohl schöner her-aus als es wahrer erscheint. Die Lyrik der Provenzalen hat nicht ebengroße Mannichfaltigkeit, auch hier zeigt sich (was selbst Fauriel nicht leug-nen mochte) eine Armut des Lebens und des Geistes; jedoch weit nichtso sehr wie in Deutschland. Das Gelegenheitsgedicht, das man bei unskaum in Spuren entdeckt, die ursprünglichste und lichteste Quelle lyrischerPoesien, herrscht unter den Troubadours, oft von der Art, daß man ohneErklärung aus ihrem Leben den Inhalt nicht versteht, eine Eigenheit,die das lyrische Lied der besten Dichter nicht immer ablegte. Dennochdarf man nur selbst die Lyrik des Orients vergleichen, um zu finden, daßsogar hier Besonderheit und Mannichfaltigkeit größer ist als selbst unterdiesen. Zn allen Zeiten war die lyrische Kunst eine fröhliche; sie hat mitdem Weibe den Wein und den Gesang immer gleichmäßig gepriesen.Dies hat selbst ein Dschelaleddin und Hafis verstanden, allein nicht ein-mal die Provenzalen kannten den übcrmüthigen Jubel des Inneren, derzum freudigen Gesang und Gelage gehört; in Deutschland gar möchteschwerlich das Wort Wein oder viel Begriff von lautem und lustigemSingen in dem Minnesingcrcoder gefunden werden. Man wird nicht diemäßige Freudigkeit in den Tanzweiscn entgegen halten wollen, die meisterst aus späteren Zeiten sind, oder nur aüsnahmswcise sich auszeichnen,wie z. B. in einer des Burkart von Hohenfels eine üppige Bewegungund eine schwindelnde Raschheit anffällt, der man Weniges an die Seitestellen kann; wir sprechen aber überall hier vom Allgemeinen und brin-gen die Ausnahmen nicht in Anschlag. Es gibt vielleicht nichts wasunsere ritterlichen Zecher so charakterisirt, als wenn sie versuchen, dieWirkungen ihres süßlichen versetzten Weines zu schildern. Was ist nicht