Mumegesang.
289
möglichst abstach. Hier hätte man daher weder früh noch spät die jenenZeiten angehörigc Kunst ein gai sabei- nennen können. Hier wies Allesseit dem Verschwinden des schönen Schwungs unter Friedrich von derirdischen Glorie hinweg und hier trat daher so schnell jene Freude ambeschaulichen Leben unter die Ritterschaft, und das Aufsuchen einer inne-ren Weihe ward dem sinnigeren Gemüthe ein quälendes Bcdürfniß.Dicht neben diese Heiligkeit drängte sich dann, entsprechend der Art, wieFriedrich II. das Krenzwesen behandelte, ein Leichtsinn und eine heitereLebcnsphilosophie in einem Gegensatz, dessen ganze Schärfe wir nach-her auch in der Dichtung werden erscheinen sehen. Dem Allem scheintcs dann zu entsprechen, daß der ewige und stets wicderkehrcnde Inhaltdes Minneliedes und dcS Epos in Deutschland der Gesang vonFreude und Leid ist. Sie singen vom Sommer und seiner Wonne,vom Winter und seinen Schmerzen, von der Liebe Lust und Leid, vonsüßer Maienblüte und bitterem Reife, der sie tödtet; sie klagen, daßHonig und Wermut, daß Hitze und Kälte, daß Fülle und Mangel, daßBlödsinn und Klugheit ewig auf dieser Erde wechseln. Man sieht daherauch im strengsten Gegensätze mit jener Selbstgefälligkeit, den: charak-teristischen Merkmal dieser Zeiten, ans der anderen Seite Verachtung derWelt, Schärfe und Bitterkeit gegen die Sitten der Zeit, Wehmuth undeinen Zug des Schmerzes über die Nichtigkeit der menschlichen DingeHand in Hand gehen. Dieser Inhalt nun widerspricht der Idee desEpos in dem Maße, als er dem lyrischen Wechsel der Empfindungenzusagt. Dieser Inhalt (joi e mai-imen) zeigt sich wohl auch einmal beiden Provenzalcn, die bald auch in ihrer Geschichte Anlaß genug dazufanden, allein er drang dort in keiner Weise so tief in das Gemüth nochin die Kunst. Diese beiden Gegensätze scheiden damals Nationen vonNationen; sie unterscheiden die provenzalische Lyrik von der deutschen;sie scheiden die Einzelnen unter sich, wie wir im Gottfried und Wolf-ram finden werden; sic scheiden einzelne große Individuen nach denverschiedenen Perioden ihres Lebens sogar in sich; cS sind die Gegen-sätze jener heiteren, sclbstvertrancnden, menschlichen Weltansicht, die sichwie die alte Sprache in jenen südlichen Nationen erhielt, und der düste-ren, christlichen, die wir in jenen Zeiten in Deutschland siegen sehen.Ans diese Gegensätze werden uns alle möglichen Gesichtspunkte, ausdenen wir diese Zeiten auffassen können, mit ewigen Abwechslungenzurückführcn. Der Kampf dieser Gegensätze drängt sich in die Dichtungein, und leiht der ritterlichen Epopöe die snbjcetive, lyrische Farbe, dernur das Volkscpos mehr widerstand, was dann die Spaltung zwischen
Gew. d. Dicht. I. Bd. lg