Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
283
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Blüte der ritterl. Lyrik. Minnegesang. 283

Alte in die neuen Sitten übersetzt, ist schon ganz eigen. Die Medealäßt hier den Jason schon feierlich eine viermalige Eidesformel wieder-holen; der Thurmwächtcr sitzt hier schon auf dem Thor und singt seinTagelicd in den Saal der Ritter. Die Kämpfe, die verschiedenenSchlachten erscheinen hier schon ganz in der Ausführlichkeit und mit derMischung achter Heldennamen mit erdichteten, welche letztere den anglo-normannischen Dichter verrathcn, und mit Zweikämpfen, die offenbarans der Karlssage oder dem ächten Homer entlehnt sind, und wie siespäter in der Alerandersage und im Titurel erscheinen. Dazu kommt dieeigne Freude an Beschreibung von Gräbern, Bildsäulen, Mosaikwerkenund dergleichen, welche die Eindrücke verrathen, die nordische Kreuz-fahrer aus dem Süden, aus Konstantinopel mitbrachten, wo ja dieKaisergräber ein so willkommener Gegenstand der Plünderung wie dieKunstwerke zur Zerstörung waren. Manchmal meint man, eine zarteSeele leuchte aus dem Dichter, wie wenn er den Achill über HektarsLeiche ihm sanft Segen nachwünschen läßt, dann greift wieder erschreckenddie Stimme der größten Rohheit durch, wie wenn Andromache nach demübrigens ganz verwischten Abschiede von Hektar, weinend und verzweifeltsich gegenPriamuö kehrt und ihn mit den scheußlichsten Schimpfwörtern,die kaum nachzuschreiben sind, wie eine Furie überfällt. Wenn Lam-brechts Alexander durchweg eine feste, männlich ruhige Kraft athmet,und die Zeit ausspricht, wo Deutschland in ehrwürdiger Größe unterdem zweiten Hohenstaufen glänzte, so leitet dagegen Veldeke ganz aufdie weichere Folgezeit über, die das Heroische ganz aufgibt; im Hcrbortaber spiegelt sich eine Zeit der Verwilderung, wie die der GegenkönigePhilipp und Otto war, und in ihm erscheint eine gleichsam erzwungeneKraft und die unnatürliche Anstrengung eines Jünglings, der zwischenzügelloser Kraft und Weichheit, zwischen Geschmack und Gemeinheitgetheilt und von Ungleichheiten voll ist.

V.

Blüte der ritterlichen Lyrik und Epopöe.

1. M i n n e g e s a n g.

Bis hierhin haben wir gesehen, wie das Epos in seinen Ent-wickelungen aus den Händen des Volks und der Geistlichen in die desRitterthums überging. Ehe wir seine höchste Ausbildung in diesem