Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
279
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Antike Dichtungen in neuer Gestalt. Heinrich von Veldeke. 279

berechtigte, wie wohl der Veldeke von Minne gesnngcn habe! Und inder That, dieser AnSruf ist nicht bloße Redensart, sondern wahrhafterErnst. Abgesehen von den Spielereien, die mit unterlaufen, hat diedeutsche Dichtung jener Zeit gewiß Weniges an Lieblichkeit, an innigerUnschuld und Naivetät diesen Gesprächen der Lavinia und ihrer Mutterzu vergleichen. Man möchte glauben, daß diese Stellen nicht allein imEpos vielmal nachgeahmt wurden (denn hier ist'S unleugbar), sonderndaß sie auch die Vorläufer von den Minneliedern des ähnlichen Inhaltswaren, wo im Gespräche mit sich oder Anderen das Wesen der Liebe zuergründen gesucht wird. Wir werden Gelegenheit haben, auf dergleichenNachahmungen später zurückznkommen und werden bemerken, wie schnelldieser Ausdruck unbefangener Unschuld verloren ward und wie vergebensselbst namhafte Dichter sich abmühen, aus diese Reinheit zurückzukommcn.Dies ist auch der Hauptgesichtspunkt, den man festhalten muß, wennman die Liebeöpoesien der Ritter beurtheilt: die Blüte der Ritterzeit undDichtung, so plötzlich, so neu, wie der ganze Aufschwung des Staats-lebens in Deutschland unter Friedrich I. , mußte in ihrer ersten Ent-faltung von einem Glanze, von einer Lebendigkeit und einem Reize desVerkehrs begleitet gewesen sein, der sich unmöglich lange erhalten konnte,der mit der Kraft des heroischen Kaisers selbst verloren ging und andessen Stelle dann bei den Besseren eine um so größere Sehnsucht nachder entschwundenen Herrlichkeit trat, je tiefere Eindrücke und Erinnerungenjene glanzvollen Reichstage (wie der in Mainz 1184) hinterlassen hatten,deren Gleichen Deutschland weder je vorher noch wieder nachher sahund auf deren Pracht ein Guyot (Micke, V, 278), also selbst die Fran-zosen, wie auf die gute, alte, goldene Zeit zurücksahen. Der schnelleWechsel von der ersten Begeisterung, welche die neue Geselligkeit dnrch-drang und rein und unschuldig hielt, zur größeren Freiheit und zu jederArt Ausartung liegt in der Natur der Sache selbst, und namentlich derUmgang mit den Frauen konnte , wie die Menschen sind, wohl unterEinzelnen fortwährend veredelnd wirken, mußte aber die Sitten sehr baldzum Uebeln kehren und wir dürfen uns weder wundern, noch müssenwir es anderswohin zu deuten suchen, wenn wir so bald die nächstenDichter, einen Wirnt und Walther, über den Verfall aller ritterlichenZucht sich beklagen hören. Wenn diese Männer der späteren Zeit denVeldeke aufschlugen, der die Herrlichkeit deö großen Friedrich gesehen,

lesen läßt, derVerS 73,18» ,,n!s er in olle ist goseit" große Verbreitung eben diesesBuches von Veldeke anzndcuten.