Antike Dichtungen in neuer Gestalt. Heinrich von Betrete. 277
pflege in diesem Stande entschieden war, auf eine schlaffere Gesinnungund eine weichlichere Richtung, die man im Gelehrten - mehr als imKriegerstande suchen würde; man stößt auf ritterliche Umsetzungen jenerälteren pfäffischen Epen, die an zierlicher Form fortschreiten, aber anKern des Inhalts und der Gesinnung unendlich verlieren. Die Einfaltder Vorstellungen war in jenen älteren Gedichten größer, die Gewandt-heit des Gedankens und deS Ausdrucks geringer, die sich in feinerem ge-selligen Verkehr erst ausbilden konnte, aber mit dieser Einfalt ging dannauch der alterthümliche Reiz jenes geharnischten Stiles und der Nach-klang der Volksdichtung verloren, der bei Lambrecht und Konrad so an-ziehend ist. So büßen wir auch in der Sprache bei dem Uebergaug, derim l l. und 12.Jahrh. vom Alt- zum Mittelhochdeutschen gemacht wird,an Reichthum und Fülle der Formen so viel ein, wie wir an Glätte undGeschmeidigkeit durch jene Auflösung, Verschleifung, Gleichung derEndungen und Beugungen gewinnen, wodurch die verfeinerte Verskunftder ritterlichen Dichter erst möglich ward. Hier aber, in Vers undReimkunft, und in der Feststellung und Ausbildung der hochdeutschenMundart ist der Gewinn, den die Feiuhörigkeit der vornehmen, höfischenKunst unserer Dichtung brachte, unbestreitbar und ihr Verdienst eineruneingeschränkten Bewunderung werth. Von Seiten seiner Sprachegehört Veldeke noch der alten Zeit an; die Aeueide ist von Eigenheitender niederdeutschen Mundart noch voll, so daß sie in den Zeiten, woalles unrein Gereimte, in Frankreich eben so-^) wie in Deutschland,umgereimt ward, ins Hochdeutsche (wie in der Münchner Handschrift)umgeschricbcn wurde. Dagegen in VerS und Ncimkuust ist Veldeke dererste Gesetzgeber der neuen Kunst. Fast alle Dichtungen des 12. Jahrh.folgen noch der Willkür einer ungebundenen Künstwcise; die Versewaren nach dem natürlichen Gefühle gebaut, die Reimpaare verbandennach dem Gefallen des OhrS auch bloße Assonanzen, und diese oft vonsehr entferntem Anklang. Veldeke führte zu reineren Gesetzen überund hierin hatte er kaum in Eilhart und in dem Dichter des Pilatus,und nur für die einfachen erzählenden Verse, Vorgänger. Hier hat erdasselbeVerdicust, wie in Südfrankreich Pierre d'Auvergue l 1110—50),mit dem die Provcnzalen ihre feinere Kunstperiode eben so beginnen,
378) Lliansnn 6'Xntinebv. ed. ?. Uaris. 1848. I. g. I.IX. Was die Aencideangeht, sv schließt der neueste Herausgeber aus der Schlußrede (352, 18 ff.), daßdas non Veldeke in seiner niederrheiuischen Mundart begonnene Gedicht iu Thüringenum 1184—k, vielleicht unter seinen Augen, in die thüringische Mundart umgesetzt sei,unter Beibehaltung vieler niederdeutscher Eigenheiten.