2?4 Ncbergang zu der rittcrl. Poesie der hohmstauf. Zeit.
Veldeke ist es zuerst sichtbar, wie sich ein erregtes Innere, das eine Nah-rung für die Seele sticht, gegen jede Weitläufigkeit und Kleinlichkeitsträubt; er lehnt daher ausführliche Beschreibungen von Städtebau unddergleichen, was nichts für Gefühl und Empfindung bietet, ab, auchwenn es sich noch in seiner wälschen Quelle vorfand. Wenn man sichdiesen Zug leicht erklärt, so wird cs dagegen schwer, sich in die Schwach-herzigkeit zu finden, mit der man entschädigt werden soll. Alle Spiele-reien und Tändeleien, die man sich etwa im Minncliede gefallen läßt,drängen hier im ernsten Epos die bedeutendsten Stellen hinweg. Ueberden närrischen Tod der weisen Dido weiß sich der gute Heinrich nichtgenug zu verwundern; ein Tod ans heiler Haut wäre ihm wohl vielnatürlicher vorgekommen, weil er dergleichen in britischen Gedichten ge-lesen haben konnte. Aber mit welcher Wichtigkeit und Liebe wird da-gegen behandelt, wenn Anna die Dido nach ihres Geliebten Namenfragt und sie ihr antwortet, er heiße E— und ne— und ehe sie sprachas, hätte die kluge Anna schon gewußt, wer es war! Die Naivetäthat doch auch ihre Grenzen, und hier überschreitet sie sic offenbar, solieblich sie diesem Dichter sonst anstcht. Wie gerne läßt man demLambrecht einmal die Versetzung der alten Namen, Titel, Sitten in neueZeit hingehen, da bei ihm doch das Wesen gewahrt ist, aber hier weißman nicht anzufangen noch zu enden, wenn man diese Verflüchtigungjeder Eigenthümlichkeit betrachtet, wenn man mit jener Festigkeit desOertlichen im Virgil dies Nebelland vergleicht, mit jener heldcnmäßigenDido diesen gestaltlosen Schatten, mit jener zerqnälten, vom Gott be-seelten Sibylle und der schaurigen Wirkung ihres Erscheinens dieseHere des Veldeke, die den frommen Aeneas auf seinen guten Tag hübschfreundlich empfängt und sich traulich mit ihm unterhält; mit jenengreulichen Göttern der Zwietracht, die das Land aufstürmen gegen dieTroer, dieses Gekeif der hausherrischen Frau des Latinns; mit dem blut-dürstigen Polterer Turnus beim Virgil diesen Schwätzer des Veldeke;mit dem Hirsche, der dem Schicksale dient beim Virgil, den Kunststück-macher des Deutschen. Wir gehen hier durch die Holle, wie durch einenSpaziergang; Charon und CerbernS, die ewigeFinstcrniß und der Pech-qualm der Hölle ficht uns nicht an, denn im trocknen Bericht führt unsder Erzähler vorüber; er selbst hat keinen Begriff von dem was ererzählen soll, er bestaunt das selbst, dessen Schilderung dem Hörer Er-staunen auspressen soll, fürchtet die Grauen, die der Leser nicht empfindet,und redet von einem Entsetzen, das Niemand thcilt. Was man demVirgil selbst geschenkt und erlassen hätte, Beschreibungen derHeere und der