Antike Dichtungen in neuer Gestalt. Heinrich von Veldcke. 273
Vorvcrkünder des Christenthumö, den sibyllinischen Ruhm der Weissagungzuschricb, ist diese Verunstaltung seines EpoS das würdige Scitcnstück.Veldcke wird in dem französischen Vorbilde, dem er (354, 16—20.) treuzu folgen versichert, nicht gerade alle, aber wohl die meisten Abweichun-gen schon vorgefundcn haben, die wir in seinem Werke bei Vergleichungmit Virgil entdecken; hätte er aber auch unmittelbar aus dem Lateinübersetzt, wie Albrecht von Halberstadt den Ovid, so würde sein Gedichtdoch nicht viel anders ausgefallen sein. Der Abstand in der Kunst derAbspiegelung eines gegebenen Gegenstandes, der zwischen Lambrecht undHeinrich ist, ist größer als der zwischen Wieland uud Voß in den neuerenZeiten. Alles, worin die alte Kunst ihre höchsten Aufgaben sucht, ist indieser deutschen „Eneit" geradezu geflohen und verwischt, und wenn mandas Verhältnis; der überall verallgemeinernden romantischen Dichtungzu der Besonderheit der Alten will kennen lernen, so darf man nachkeinem weiteren Beispiele suchen: hier zerstäubt Alles, was irgend nachrömischer Eigcnthümlichkcit nicht nur, sondern waS nur irgend nacheinem Fall des gewöhnlichen Lebens anssieht. Ein Mährchen von Dido'sOchscnhaut weiß der ritterliche Sänger noch zu erzählen, allein den Sturmden Acneas leidet, oder Dido's Schicksale in Tyruö, oder den Bau derStadt'^) behandelt er sehr dürftig oder gar nicht. In der Erzählung vonder Eroberung Troja'.s bleibt Laokoon weg, von dem Kampf, dem Inhaltdes dritten Buches, ist fast nichts als das hölzerne Pferd geblieben. Für allden Schmerz über den Untergang dcö Vaterlandes, für all den Zornund Haß gegen die Zerstörer der Vaterstadt, für alle Irrfahrten muß unseine Spielerei, eine Beschreibung des BettcS, zu dem Dido den Aeneasführt, entschädigen. Wer wahren dichterischen Genuß sucht, wird geradekein übermäßiger Bewunderer von Virgil sein, von dieser Poesie desWitzes, diesem Zwang zu glänzenden Worten, von dieser traurigenHeldin und diesem traurigen Helden, doch aber ist Sinn da für Alles,was ein menschliches Herz heben und begeistern kann, Sinn für jedesdem Menschen heilige Verhältnis;, für Vaterland und Heimat, fürRuhm und Glück. Und Schade, daß dies Alles verloren gehen mußtefür unsere ritterliche Dichtung, da die talentvollen Männer, die zuerstdie Sprache und Verskunst neu gestalten sollten, schon in jener Schuleder abenteuerlichen britischen Romane den Geschmack verdorben, denSinn für die eigentlichen Aufgaben der Dichtung eiugcbüßt hatten. In
276) 28, 14 ff. Lr wäre re saxenae »Ire taue — dar VirgUius der >>elt>ll «men düelie» dar vaa reN, des selivlen wir vit larea.
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Gerv. d. Dicht, l. Vd.