Antike Dichtungen in neuer Gestalt. Heinrich von Vcldcke. 269
7. Antike Dichtungen in neuer Gestalt. Heinrich von Veldeke.
Wir sind unter der Betrachtung der epischen Dichtungen des 12.Jahrh. unmerklich bis zn den Höfen und in die ritterliche Gesellschaftvorgedrungcn, in deren Pflege die Dichtkunst des Mittelalters ihre höchsteAusbildung erhalten sollte. Der Verfasser der Kaiscrchronik und dieSänger unserer deutschen Sagen mochten sich nur kleineren süddeutschenHöfen gefällig gemacht haben, sie waren wohl meist noch Geistliche oderfahrende Leute, die dem Ritterstandc nicht angchörtcn und zum Theilunrittcrlichc Stoffe noch behandelten. Lambrecht und Konrad griffen dannjene großen Gegenstände auf, die selbst einen heidenmäßigen Fürsten wieHeinrich den Löwen fesseln mußten; auch sie aber gehörten noch demgeistlichen Stande an. Die beiden britischen Romane aber, die wir zu-letzt besprachen, waren schon von ritterlichen Dicnstlcuten, der eine vomkaiserlichen Hofe selber, auögegangen. Wir haben noch Eine Stufe wei-ter zu steigen, um auf dem Gipfel auzukommeu, von dem wir ruhenddie vorragendsten Höhen der ritterlichen Dichtung überschauen können:der Mann bleibt zu nennen, der zuerst der neuen Kunst die Weihe gege-ben, die ihr in dem neuen Stande Pflege und Ausbildung auf cincDauersichern konnte. Als diesen Mann nennen die ritterlichen Dichter des 13.Jahrh. selbst den Heinrich von Veldeke. Er war aus ritterlichem Gc-schlcchte, ein Wcstphale, die Familie war von der Abtei St. Truydcnbelehnt. Seine Aeneidc entstand zwischen 1175 — 84. Er hatte, derSchlußrede zufolge, drei Vierthcile des Gedichtes vollendet, als er cS derGrästn von Cleve „zum Lesen und Schauen" lieh; cS ward ihm von demGrasen Heinrich von Schwarzburg entwendet, was vielleicht den großenReiz vcrräth, den das Werk gleich unter seinem Entstehen für die Leserhatte; erst nach neun Jahren erhielt der Dichter seine Arbeit wieder undvollendete sie nun in Thüringen, mit dessen Fürsten, Landgraf Ludwigdem Milden, sich die Gräfin von Cleve vermählte. Dies Ereigniß ver-sinnlicht gleichsam das Vordringen der ritterlichen Kunst von den nord-westlichen Grenzen in das Innere von Deutschland, an den Hof, wobald die größten epischen und lyrischen Dichter freigebige Ausnahme fan-den, in jene Mitte Deutschlands, wo sich auch in der neueren Blütezeitunserer Dichtung ein ähnlicher Sammelplatz für unsere besten Geisteröffnete. Es war Ludwigs nachhcriger Nachfolger Hermauu, der Veldekeseine verlorene Aeneide wiedergcschafft hatte und auf dcsseu Bitte er sievollendete; auf desselben Fürsten Veranlassung übersetzten geraume Zeit