Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
250
Einzelbild herunterladen
 

250 Ucbergang zu der rittcrl. Poesie der hohenstanf. Zeit.

In welchem Stufengange sich während der sächsischen Herrschaft,bis gegen das Ende des 11. Jahrh., diese geschichtlich-poetischen Erinne-rungen der Briten ins Sagenhafte umgcstalteten, läßt sich kaum erreichen.In diesen Zeiten eines verdunkelten Volkslebens, das sich in innerenReibungen verzehrte, scheint der dichterische wie der nationale Ehrgeiz,den fremden Eroberern gegenüber, nur zu geringen Acußerungcn gekommenzu sein. Der sicheren und ächten Schriftrestc in Volkssprache sind wenige;die lateinische Geschichte, die Nennius' Namen trägt, aus dem 9. Jahrh.,müßte uns allein in diesen Zeiten Wegweiser sein. Allein den ächten undursprünglichen Theil dieses durch Abschreiber viel veränderten Werkesjetzt noch auözusondern, hat ein neuerer Herausgeber desselben (Stephcn-son, 1838) für unmöglich erklärt, der übrigens von den vielen (etwa 40)Handschriften nur ungefähr die Hälfte verglichen hat. Die Sage vonVortigern und Hcngist ist bei Nennius noch volksthümlicher Art, nochan die Geschichte wenigstens angclchnt; neben ihr treten dann Geschichts-fabeln vom trojanischen Abstamm der Briten und Sagen von Arthnrund Merlin hervor, in einer Art, daß darin theilweise die willkürlichenZuthaten gelehrter Erfinder nicht zu bezweifeln sind. Um von Merlin zuschweigen, dessen Sage in unsere deutsche Dichtung den Weg nicht ge-funden hat, so ist Arthur hier schon mit wunderbaren Waffen ausge-rüstet, erficht glänzende Siege in 12 Schlachten und macht schon dieWanderfahrt nach Jerusalem. Stellen wie diese ist man denn besondersgeneigt gewesen, für Einschaltung der kreuzrittcrlichen Zeiten zu halten;wäre sie älter, so würde sie ein merkwürdiges Seitcnstück zu der FahrtKarls nach Jerusalem bieten, die schon im Anfang des 11. Jahrh. um-gehende Volkösage war. Wie dem auch sei, selbst bei Nennius erscheintArthur immer noch keineswegs als jener Mittelpunkt britischer Sage,wie später; noch die älteren Triaden in der Sammlung des Mönchs vonLlancarvan (ff 1!56) kennen ihn nur in seinem Zerwürfniß mit seinemungetreuen Weibe Ginevra, vielleicht das einzige Verhältnis) unter allen,die in den Arthurromanen enthalten sind, dem alte Uebcrlieferung zuGrunde liegt. Wie denn die Sage von Arthur im 12. Jahrh. in Schrif-ten und im Volksgesang eine plötzliche ungemeine Ausdehnung und Aus-breitung erhält, ist dies ein ganz neues, frisch erregtes Interesse, dem selbstdann, und noch später, viele walisische Barden entgegen waren, denen derRuhm Cadwaladr's mehr als Arthur's galt; und Alanus ab insulis konntedamals sagen, daß Arthur's Name selbst in Asien bekannter sei als inEngland, indem er zugleich den stärksten Ausdruck gebrauchte, um dieVolksthümlichkeit zu bezeichnen, die dieser Name in der Bretagne besaß.