238 Nebergang zu der ritterl. Poesie der hohcnstauf. Zeit.
in lateinischen Gedichten des 3. Jahrhunderts einstellten; es ist eineForm, die dem ursprünglichen musikalischen Vortrage, wie der rhapsodi-schen Entstehung dieser Gesänge gleich gerecht ist. Wie Andere an anderenRomanen, so hat Monin^H und nachher auch Fauricl in der Zusam-menstellung dieser Tiraden ans viele Wiederholungen und Veränderun-gen einzelner Situationen ausmerksam gemacht, die cs deutlich zei-gen, wie die Abweichungen verschiedener Lieder Eingang fanden, woman dann das Aeltere und Einfachere unterscheiden kann. Selbst inunserem Konrad ist an einzelnen Stellen das Romanzenartige noch sodeutlich, daß an diesem Gedichte mehr als an anderen die volksmäßigc,ursprüngliche Gestalt durchscheint, obgleich wieder die Persönlichkeit derletzten Bearbeiter mehr hcrvortritt als in unserem Nationalepos.
Das deutsche Epos ruhte auf großen geschichtlichen Erinnerungenaus einer Zeit, wo cs nur um Thatcn galt. Auch das fränkische Eposruhte auf solch einer historischen Grundlage, allein schon bei Konrad istcs nichts Nationales mehr, um das es sich handelt, sondern ein All-gemeines; cs sind keine Stämme, die handelnd sich gegenüber erscheinen,sondern Rcligionöscetcn; cs ist nicht mehr das einfache Leben selbst, wasaus dem einfachen Gang der Verhältnisse die Thatcn und Handlungender Menschen entstehen läßt, was das homerische Epos so groß, wasden deutschen Dietrich zu einem so epischen Charakter macht; es ist Gott,der hier seinen Menschen zu handeln vorschreibt; es ist eine göttlicheMaschinerie an der Stelle der Verwickelungen, die sich bei den Griechendie Menschen selbst auch gegen das Schicksal schaffen, es sind Grundsätzeund Ideen, welche die Handlungen der Menschen bestimmen, den Triebleiten, die Leidenschaft mäßigen und das Wollen über das Thun stellen.Thatcn und dichterischer Preis der Thatcn erhält hier auf einmal eineBeschränkung, die mit freier Kunst unverträglich ist. Das Reich desGedankens, der sittlichen Gesinnung, des religiösen Glaubens beginntsich hier zu öffnen, und jene Dichtkunst, die mit göttlicher Unparteilichkeitihren Glanz über Feinde und Freunde breitet, die jeder Gestalt des Lebensbefreundet ist und sich der vollkommensten Menschlichkeit mehr freut, alsder halben Göttlichkeit, muß jetzt in den Hintergrund treten. Und geradedies, was diese Gedichte jenen Zeiten so wcrthvoll machte, das raubteihnen den allgemeineren Werth, den die Nibelungen gegen die Karlssagebehaupten. Was diese an Geschlossenheit, an gleichem Guß, an gehal-tenemTon vor jenen voraus hat, das überbietcn jene an weitemInteresse
344) llis8srtation sur le i-oiiisn äk liolleovsux. 1832.