Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
231
Einzelbild herunterladen
 

Rolcmdlied vom Pfaffen Konrad.

231

den oder verändert ist, was in der gewöhnlichen Gestalt der Sage lagund unserem Dichter oder seinem Vorbildc meistens bekannt war. Mitdem ganzen Charakter der alten Welt, rüstiger Thatkraft und Selbstsucht,stimmte bisher der Charakter der germanischen Hcldcnzeit überein. DieSelbstsucht und die Gierigkeit schilderte die Thiersage von Jsegrimm imzwölften Jahrhundert, nicht lange vor dieser Zeit; die ganze deutscheedlere Dichterschaar zieht gegen sie zu Felde und predigt gegen Geiz undHabgier Mäßigung, gegen Gewaltthat Milde. Darin liegt nichtsGroßes. Abstellen und tadeln kann jeder, aber nicht jeder ausbaucn. Esdrohte die alte Rüstigkeit draufzugehen unter der milden christlichenSchwärmerei: Lambrecht ehrt also diese Kraftübung männlich, nur lenkter sie nach dem höheren Sinne der christlichen Ansichten. Wir werdensehen, daß sich an den Grundgedanken dieses Gedichtes Wolframs Par-zival aufs engste anschließt. Auch Dante's Ideen liegen in der nämlichenReihe mit Wolframs, und führen den Gedanken des Parzival eben soweiter, wie der Parzival den des Lambrecht. Dies beweist eine Ver-wandtschaft dieser Geister und die gemeinsame tiefe Eindringung derherrschenden Ideen jener Zeiten in alle Länder und Völker. Den Zusam-menhang dieser Dichtungen hier schon darzulegcn, ist noch nicht der Ort,wir kommen darauf bei dem Parzival zurück. Erst dort werden wir dieBedeutung dieses Alcrandergedichts ganz übersehen.

5. Rolandlied vom Pfaffen Konrad.

Im Aleranderliedc war das Bild des alten Hcroenthums noch ein-mal in allem Glanze entworfen, das die ruhmvolle That um ihrer selbstwillen suchte und ehrte; in Karl dem Großen ist ihm der christliche Heldentgegengesetzt, der, wie wir schon oben sagten, den bestimmenden Grundzu seinen Thatcn durch eine höhere Eingebung empfängt und sie zu EhrenGottes und seiner Kirche verrichtet. Der Geist der Kreuzfahrten, der sichunter den ersten Eroberern des heiligen Landes kund gab, liegt nirgendsin der deutschen Dichtung so unmittelbar und treu ausgesprochen, wie indem Gedichte des Pfaffen Konrad von Karls des Großen Thaten inSpanien, von Ganelons Verrats) und der Roncevalschlacht^). DieGeschichte selbst hatte den mächtigen Frankenkönig zum ersten Musterbilde

233) Nuolanllss lim Hrsg. v. Wilh. Grimm. 1838.