230 Uebergang zu der ritterl. Poesie der hohcnstcmf. Zeit.
zu wähnen, daß das Paradies zu erfechten sei. Gott aber habe ihnbesonders seine Wunder schauen lassen. Sterblich sei der Mensch und anFlüchtigkeit gleiche er der Feder, und mit Staub und Erde werde er ge-mischt, und diese seine Schwachheit wiege alle menschliche Wunderthatenwieder aus. Zu Gott solle er sich fürderhin wenden, der ihm Gnade undWeisheit, Ehreund Reichthum gegeben. Was helfe ihm alle seineMacht?gemischt zur Erde müsse er werden; an Güte soll er sein Gemüth kehren,daß, wenn ihn der Tod greife, Gott ihn aufnehme in sein Reich. —Alexander entließ den Alten in Ehre, und gedachte seiner Lehre hinfort;er wandelte seine Sitte, er ehrte die Menschen mehr als vorher, erpflegte guter Mäßigung, ließ Kampf und Habsucht sinken und berichtetesein Reich herrlich durch 12 Jahre. Seinen Tod erwähnt der Dichternur mit einem Worte: „Da ward ihm vergeben." Von Allem, was ecje besaß, blieben ihm sieben Fuß Erde, wie dem ärmsten Manne, der jezur Welt gekommen. ,
Wenn eö wahr ist, daß Alexander nicht ein Eroberer gemeiner Artwar, daß seine riesenhaften Plane in einem großen Verbände mit seinesgroßen Lehrers Bestrebungen standen, wenn cs wahr ist, daß das Alter-thum groß geworden ist durch sein Vertrauen auf menschliche Kraft undim äußeren Leben, während die neuere christliche Zeit groß ward durchdas innere,Leben, das sie erschloß; wenn es wahr ist, daß das Alterthumaus eben jener Eigenschaft in Selbstsucht eben so leicht fallen mußte, wiedie christliche Zeit aus eben dieser in Erschlaffung und Thatlosigkeit;wenn es wahr ist, daß Alerander den Uebergang von alter zu neuer Zeit,von jenem zu diesem Charakter bahnte, so sehen wir auf Einen Blick dieganze Größe dieses Gedichtes. Es schildert den Charakter des Heldenim ersten Theile ganz treu der Geschichte und faßt sein Wirken in demerhabensten Sinne auf; eö schildert zugleich das Altcrthum und seinenGeist aufs wahrste und ist auf eine wunderbare Weise zu eben der Zeit,wo am entschiedensten gerade dieses äußerlich Thatkräftige, dieser jugend-liche knabenhafte Trotz abgelegt werden sollte, noch einmal wie zumScheidegruß als ein Denkmal den erstorbenen Ideen der alten Welt auf-gepflanzt. Das Große, was der Dichter in seinem Werke dabei positivthut, ist durch die Größe, welche in dem liegt, was er vermeidet, aus-gewogen. Wir würden zu weitläufig werden, wenn wir Alles, was dieAlerandersage gewöhnlich berichtete, neben den Inhalt dieses Gedichtesstellen wollten, wir werden aber bei Ulrich von Eschcnbach, wo sie ihrenhöchsten Umfang erreicht hat, kurz hierauf zurückkommen und dort mögeder Leser vergleichen, wie hier mit einer meisterhaften Sicherheit vermie-