Veränderungen in der deutschen Volksdichtung.
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behaupten konnte: denn was ist vom Ruother nur in der Erzählung derViltinasage zu erkennen, als der Rumpf vom Gerippe? Und was istüberhaupt der epische Kern dieser Dichtungen, die endlose Verse häufenum eine einzige Thatsachc, was das Volksepoö, das Fülle derHandlungen sucht, ganz eigentlich flieht und vermeidet? Und was ist ihrinnerer Kern anders, als jene Ideen von Dicnstmanuschaft und Herren-pslicht, die nur eben dann auskommen konnten, als man sich über dieseVerhältnisse überhaupt besann? Ganz derselbe Geist scheidet die spätereKarlssagc von der früheren, ganz dieselbe Trockenheit ans der einen, die-selbe Jagd nach Witz auf der anderen Seite, ganz dieselben Aehnlichkeitenund Wiederholungen, ganz dieselbe Armuth im Erweitern und Fort-spinncn der Erzählung. Dies ist der nämliche Fall mit dem britischenEpos; Alles was wir davon durch Franzosen übcrkamen, beruht anseiner späteren größtentheils eben so gut erdichteten oder durch Erdichtungbreit getretenen Sage, wie die französischen Vasallensagen; sie verhaltensich ganz zu den älteren Bardcnliedern, wie ein Reinald oder Willehalmzu Konrads Karl und zu verlorenen Romanzen, ganz wie Ruother zuden Nibelungen und dem Hildebrandlicde. Das Geschichtliche ist in allendrei Abstufungen in stetem Sinken, die Erdichtung und das Wunderbarein stetem Wachsen; die Scheu vor der Uebcrlieferuug, die Wahrheit undLebendigkeit hält Schritt mit jenem, und die persönliche Vordringlichkeitder Dichter mit diesem; der würdevolle Ernst fällt mit jenem und dasKomische steigt mit diesem; die Wirkung des Ganzen wechselt mit derWirkung dcr Thcile; die alten Verhältnisse werden von neuen verdrängt,größere von kleineren. Das Vaterland, das Christcnthum, der Helden-geist athmet in den britischen, den fränkischen, den deutschen alten Sagen;das Ordenswesen, das Vasallcnwescn tritt später an die Stelle und wirdseinerseits immer unwürdiger, und alle diese Veränderungen halten mitder Geschichte ganz gleichen Gang. Wie jene älteren Epen sich einst andie Geschichte gelehnt und dann von ihr entfernt hatten, so lehnen sichdiese Epen oft nur in bloßen Namen an jene älteren Gedichte und gebenzuletzt auch sogar diese Anknüpfung auf. Einzelne Dichter, welche dieSagen gestalten, müssen wir hier, der Armuth der Erfindung nach, über-all annehmcn; Erdichtung, Hinzudichtung, Umdichtung herrscht hierüberall vor; und daß die Namen der Dichter nicht bekannt sind, kann alskein Grund hiergegen gelten, da in jeder aufkeimcnden Periode der Kunst,die aus dem Volke selbst emporkommt, die Namen im Dunkel bleiben,da selbst im vorigen Jahrhundert in Deutschland noch fast jedes neueWerk ohne Namen erschien und ohne den literarischen Verkehr unserer
Gerv. d. Ticht. I. Bd.