Veränderungen in der deutschen Volksdichtung. 203
erholten wäre, so würden wir, vorausgesetzt daß sie mit unserem WerkeGemeinschaft hat, auf ein hohes Alterthum dieser Verkehrungen desMorolf zurückblicken. Für ihre Uebertragung ins Epische haben wirkeine Ucbergänge, obwohl sie mehrfach statt hatte, im italienischen Ber-toldo ganz anders, als im deutschen Morolf; der französische Solomonund Marroult enthält nichts als Rede und Gegenrede. Bei uns hat sichein Roman darauf gebaut, iu welchem Salomo nicht wie dort der Juden-könig, sondern christlicher Monarch von Jerusalem ist und Morolf alssein Bruder auftritt, nicht als sein Gumpelmann, und vielmehr die Rolledes getreuen Dienstmanncs, des jugendlichen Helden, eines listenreichen,durchtriebenen Ulysses spielt, als die des häßlichen, entstellten Volksnar-ren, für den der Name (Mareolph) lange gangbar blieb; er entsprichtdem Zwerg Alberich im Otnit, dem Raben im St. Oswald; die cyni-schen Derbheiten, die ihm geliehen sind, stehen vereinzelt und geben demCharakter nicht, wie in dem Sprnchgedichte, seine Farbe. Gewisse Eigen-heiten, wie der Ring mit der singenden Nachtigall, das versenkbareSchiff u. dcrgl., erinnern an Züge der byzantinischen Romane; die Ge-schichten von wiederholtem Weiberraub, die Verkleidungen, Entdeckun-gen, Entwischungen, Irrungen durch Zaubertränke und Zauberringe, dieGefährdungen und unverhofften Rettungen, Täuschungen, eklen Entstel-lungen in Kranke, die rohe Wiederholung der Geschichte des Pharaoin der des Pcincian, Alles erinnert bald an Ruother bald an Oswald,bald auch an spätere Gedichte ähnlichen Geschmacks aus den Zeiten derWicderverbaucrung. Die Abenteuerlichkeit und Albernheit dieser Klassevon Dichtern und Dichtungen spielt hier in den grellsten Farben; dasZotige und Schmutzige ist sehr arg; die Eigenheiten des Vortrags derFahrenden treten stark hervor^'); ganz entschieden ist die Entfernungvom Ritterlichen und Höfischen; dabei ist, wie auch im St. Oswald,das Christliche und Religiöse nicht allzu ehrfürchtig behandelt.
Wie sich das Gedicht des 12. Jahrhunderts, das dieser burleskenspäteren Ucbcrarbcitnng zu Grunde liegt, zu dieser verhalten habenmöchte, läßt uns ungefähr die Vergleichung zweier verschiedener Erzäh-lungen von St. Oswalds Leben^H errathen, von denen die durch
211) Der Dichter als Leser gedacht unterbricht die Erzählung und fordert einenTrunk. DieserZug findet fich übrigens auch in französischen Fabliaur von höfischer Art.Im kliou <l'^.mours «6. .lubianl 1834. p. 19: llonno inv a boire, zo les voscoiNerai.
2 >2) Die eine herausgegeben von Ettmüller, Zürich 1835 und die andere vonPfetffer aus der Wiener Hs. Nr. 3007 in Hanpt'sZenschr, Bo. 2, 92 ff.