Veränderungen in der deutschen Volksdichtung. 203
schenke zu schicken, worunter auch ein Paar Schuhe, von denen einernicht passen will, den er ihr dann selbst, heimlich herbeigeholt, anziehcnmuß, wobei er sich ihr als den Sender jener gefangenen Gesandten kundthut. Diese Situation ist in der Viltinasage lieblicher noch als in unse-rem Gedichte. Die Prinzessin erbittet darauf von ihrem Vater die Be-freiung der Gefangenen auf drei Tage, ihr Ansgang aus dem Kerker isteine schöne Stelle, die zum Gefühl spricht. In der Viltinasage hat diesAlles schon eine andere Wendung, dort wird mit Kamps und GewaltAlles vollendet, was hier mit List und Entführung, dort mit Grausam-keit, wo hier Edelmuth spielt. Mit der Erwerbung der Braut schließtnun die Viltinasage, aber nicht so unser Nuother. Hier geht die Ge-schichte wieder von vorn an. Ein Spielmann nämlich, als Kaufmannausgerüstet, entführt aus Bar die junge Königin wieder und bringt sienach Konstantinopel zurück. Ruother zieht als Pilger nach Konstan-tinopel, und hört, daß der König Umlot von Babylon, den er frühervon Konstantin abgcwehrt hatte, jetzt die Stadt erobert habe und seinWeib mit seinem Sohne zu vermählen gedenke. Dem Könige glückt'smit seinen Helden in dem Saale unter dem Tische sich zu verstecken; demKonstantin ahnt und schwant es, daß er nahe sein müsse, die Königinerfährt, daß er im Saale ist, durch einen Ring, den er ihr unter demTische hervorrcicht; vergnügt lacht sie, und der Babylonierkönig ist solchein Mienen - und Scelcnkcnner, daß er daran gleich merkt, Ruother seiim Saale. Nun geht's denn ans Kämpfen und Befreien.
Man sieht wohl, hier soll eine Erzählung erweitert werden, und siewird von einem Dichter erweitert, der schon die Sagen von Alexanderund Karl gelesen hat, der seinen Helden die nämlichen Reiche fast besitzenläßt, welche Roland (beim Pfaffen Konrad) für Karl erobert hat, dergern sein Lied dem Geschmack an der ausländischen Dichtung anpassenmöchte, der nur wenig Geschick dazu mitbringt und gewissermaßen nurden abgesponncnen Faden noch einmal abspinnt. Dies ist ein Charakter-zug, den jede unbeholfene Kunst an sich trägt. Man darf nur die griechi-schen Romane, man darf nur sämmtliche ans britischen Ursprung hinwei-sende Epen der Tafelrunde betrachten, um überall zu finden, wie oft mansich da selbst wiederholt und sich im Wiederholen des Nämlichen erst rechtgefällt. Dies Wiederholen aber zeigt nicht allein ein einziges Gedicht insich selbst; auch ähnliche Gedichte entlehnen ähnliche Züge. So kannman sagen, daß wer Einen der britischen Romane kennt, eigentlich allegelesen hat. So hätte, falls man cs Raub nennen will, wenn einDichter mit dem andern um die Wette Lieblingsgcgenstände der Nation