194 Ucbergang zu der ritterl. Poesie der hohcnstauf. Zeit.
schon mitten in der Blüte des Ritterlebens, mitten in der Rittcrdichtnngselbst, sich sür die geistig-sittliche Schätzung dcS Menschcnwcrths gegendie Standesunterschcidungen erhob, schien die Kunst allezeit als ein Ge-biet anzuschen, aus dem nur dasTalcnt adlen könne und in jedem Standeadlen müsse. Der Unterschied daher, den man damals zwischen fahren-den Schellenten und höfischen Dichtern machte, die in ihren glänzend-sten Vertretern in der That nicht anders denn als fahrende Lohndichtererscheinen, und die von den milden Fürsten Bewirthnng und Gaben, be-wegliches Gut und unbewegliche Güter als Micthe und Lohn der Knustohne Anstand annahmen, ja nicht ohne Anspruch erwarteten und suchten,dieser Unterschied wird kein anderer gewesen sein, als den heute der ge-bildete Schauspieler zwischen sich und dem Manne der wandernden Truppemacht, ein Unterschied, der von dem Kunstgcnoffen wichtig genommenwird, dem Dritten aber nur als Unterschied der Begabung, nicht desStandes auffällt; cS wird kein anderer gewesen sein, als der zwischenunseren Dichterheroen des 18. Jahrhunderts und jenen Günther, Schu-bart, Bürger und den jüngcrn Starkgcistcrn war, die in Kunst und Sit-ten, in Schicksalen und Lebensweise sehr wohl eine Klasse von Vagantenheißen konnten. Wir müssen daher Männer aus allen Ständen, Geist-liche, Bürgerliche, Adlige unter den Fahrenden vermnthcn; ihre Werketragen auch theilweise ein sehr verschiedenes Gepräge. Worin sie über-cinstimmen, das ist die noch „dörpcrliche", unhösische, bald dem rohenMönchvcrkchre, bald der derben Volksweise entsprechende Manier derDichtung; dann chic willkührliche Sagcnmischung, die eine natürlicheFolge der Wanderschaft war, auf der sic da und dort willkommenen Stoffznsammenlasen; endlich das Streben nach Neuheit und Seltsamkeit derMähre, die sie dann im Großen den herrschenden Zcitvcrhältuisscn undim Kleinen oft ihren jedesmaligen persönlichen Verhältnissen anzupasscnsuchten. Ihre Erzählungen mußten also irgendwie mit den Kreuzzügenund mit den Wundem des Morgenlandes in Beziehung gebracht werden,die auf jeder Hofburg allgemein fesselten; im Besonderen aber suchtedann der Erzähler wohl auch die Gunst eines Geschlechtes zu gewinnen,indem er seiner Ruhmsucht schmeichelte, Helden seines Namens erfandoder ans Namen des Hauses die Thaten anderer Volkshelden übertrug:so kamen bei uns die Grafen von Meran, wie in Frankreich die HäuserNarbonne, Toulouse, Vienne u. A. zu dichterischen Ehren. Ihre Namenund Herkunft haben diese fahrenden Poeten in der Regel nicht genannt,vonihrenPersonen ist daher nichts bekannt. Nur jenerArchipocte Walther,der, wie wir unten sehen werden, nach der Mitte des Jahrhunderts mit