Legenden. Kaiserchronik.
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Cassiodor für seine Gelehrsamkeit, den Scholastikern für ihre Speeula-tionen, nnd sie sollte den Dichtern keinen Stoff für Erzählungen gegebenhaben! — Man ging von da einen Schritt weiter. Es gab nationaleSitten, über deren Ursprung man nachsann, was dann zu manchen ern-sten und schnurrigen Geschichten den Fingerzeig gab. Der Art ist in derKaiserchronik die Erzählung von dem Baicrnherzog Adelgcr, dem vonKaiser Severus znm Schimpfe Kleid nnd Haar gestutzt wird; die Baicrnthun es nach, um den Schimpf zur Sitte zu machen. Dies ist ein Volks-witz, wie wenn man in Griechenland die Sitte, nackt zu kämpfen, voneinem dazu ausgesonnenen Mährchen herleitcte. Auch diese Art von Er-dichtungen geht durch das ganze Mittelalter hindurch und ward bis zumgrößten Stile getrieben. In Staat und Kirche gab es Einrichtungenund Gcwdhnheiten, die ein dunkles Herkommen gebildet hatte, die mansich also zu erklären suchte; nichts ward nun gewöhnlicher, als daß manGeschichte, Gebräuche, Sitten, Gesetze und Alles, wie auch im Altcr-thum so oft geschah, zurückeonstruirte. Diese Art der Erfindung aberforderte schon größere Freiheit, ja sie bedingte auch gleichsam das histo-rische Fortbilden der alten Sagen mit neuen Erdichtungen, sobald dieZustände, die darin zurückgetragen waren, sich selbst sortbildetcn. Inallen Verhältnissen des ganzen Mittelalters zeigt sich diese Art der Er-dichtung am unverschämtesten. Ganze Urgeschichten der Völker liegen da,die nach einzelnen Zügen der späteren wirklichen Geschichte zusammen-gesetzt und im Lause der'Zeitcn zum Theil aus dem trockensten Gerippezum rundesten Körper geworden sind. Die Gesetze des Staats von Ara-gon sind auf diese Art znrückgetragen und in der Kirche stehen jene De-erctalen des Pseudo-Isidor neben den aragonischcn FueroS vielleicht alsdie merkwürdigsten Beispiele, wie sich die Welt der Wirklichkeit Jahr-hunderte lang in den furchtbarsten Kämpfen um die Grundsätze solcherSchriften drehte, die nur in sofern nicht völlig willkürlich erfundeneDinge sind, als sie, so wenig sie einen thatsächlichen Grund haben, docheben so entschieden auf dem Geiste der Zeiten ruhen, in denen sie ent-standen oder entwickelt sind. Ganz genau so ergriff jetzt die Dichtungdie herrschenden Bestrebungen der Zeit und trug sie aus ältere Zeiten über,und die rohesten Anfänge hierzu sahen wir in der ganzen Entwickelungdes Volköepos, und sehen sie hier in der Kaiserchronik im größeren Maß-stabe in gleicher roher Gestalt in dem Uebertragen neuer Ereignisse undThaten auf ältere Zeiten nnd Männer, neben der umgekehrten Ver-pflanzung älterer Sagen auf neue Verhältnisse. Von da an steigt diesbis zu der Höhe, wo, wie etwa im Parztval, die höchsten Ideen der