178 Uebergang zu der ritterl. Poesie der hohenstauf. Zeit.
Näher verwandt mit dem Tundalus, auch schon durch den Ort der Ent-stehung, ist die Sage von der Reise des heiligen Brandan. Siesollte im 0. Jahrh. schon Statt gehabt haben; erst eine lateinische Pro-saerzählung des 1l. Jahrhunderts aber, und eine französische aus demersten Viertel des 12. verbreitete die Kunde davon jetzt in den weitestenKreisen. Wenn Jonckbloet und Willems Recht haben, den älteren Tertdes niederländischen Brandan ins 12. Jahrh. zu stellen, so ist wahr-scheinlich auch in Deutschland schon in dieser Zeit diese Legende behandeltgewesen, denn man vermuthet ans dem ungenauen Reime des niederlän-dischen Gedichtes, daß cs aus dem Hochdeutschen entlehnt sei"H. Ge-wiß ist, daß erst in diesem 12. Jahrh. diese Wunderreise nach dem irdi-schen Paradiese, nach der Insel der Seligen, nach der tarra repeomis-sionis recht verstanden und geglaubt wurde, da ja die Kreuzsahrcr selbstein solches Land aufsnchtcn; und noch im 16. Jahrh-, da die Ent-deckungsfahrten aufs Neue die Einbildungskraft in die dunklen Räumedes Meeres rief, verrückte diese sehr verbreitete Sage in Spanien, demLande der Phantasie, tausend Köpfe. Man suchte in der Wirklichkeitdiese Insel, die die ersten Wallfahrten nach Jerusalem und eine dunkleErinnerung an die insulse kortnnalse in dem Kopfe eines Mönchs ge-staltet hatten*^), und pix pjx Bollandisten selbst für lleliramenin apo-or^plm erklärten.
Die merkwürdige Veränderung, die das 12. Jahrh. in Geist undGeschmack der Menschen hervorzauberte, zeigt sich noch an anderen Symp-tomen, als an dieser Gläubigkeit für die unsinnigsten und ausschwei-fendsten Wundergeschichten. Als wir, mit den Zeiten der Völkerwande-rung beschäftigt, damals (wie jetzt wieder) fanden, daß die DichtungMühe hatte sich den großen Begebenheiten in der wirklichen Welt gleich-zustellen, beobachteten wir die Erscheinung, daß in jenen Wandcrzeitcn,wo die entferntesten Räume sich näherten, die mächtig bewegte Einbil-dungskraft gleichsam das Bcdürfniß empfand, auch die entferntesten Zei-ten zusammenzurücken, daß die Thaten verschiedener Helden und Zeitenauf Ein Haupt versammelt wurden, um das Große und Merkwürdigemöglichst zu häufen. Diese selbe Erscheinung kehrt jetzt in den ähn-
177) donolrdloet, gosoliiedeais der mnl. dicdtkunst. 1, 4IZ.
178) Aelter als die l-egendo latine de 8t. Urandaln^ aus dem II» Jahrh.,die duliiaal 1830 publicirte, wird wohl diese Sage überhaupt nicht sein können. Indiesem Merkchen finden sich auch die Thatsachen, auf die sich obige Aeußerungen be-ziehen.