174 llebergang zu der rittcrl. Poesie der hohcnstauf. Zeit.
Fast alte die Legenden, die wir bisher genannt haben, zeigen anslateinische Quellen zurück, die meist noch vor den Zeiten der Kreuzzügeentstanden sind; ihr Inhalt ist überall wunderbar, wie es die Sache mitsich bringt, aber dabei einfach, ja oft leer und dürr; die Erfindungenund Zuthatcn sind oft handgreiflich, aber sie sind schüchtern und beschei-den; nur spurweisc findet sich darin etwas von dem Geiste, der im Ver-laufe der Kreuzfahrten die Menschen ergriff, von der Freude an unge-heueren Waffenthatcn und Hecrzügcn, an seltsam übertriebenen Wun-derwerken, sei cs derNatnr, sei es der Menschen, an fremde», von Inhaltneuen, spannenden Mähren. Nur im Servatius konnten wir bemerken,daß bereits etwas von diesem neuen Geiste hereinspiclte, und auch dieunter sich verwandten Stoffe der hh. Albinus und Grcgorius sindder Art, daß sie weniger durch erbaulichen Inhalt das religiöse, als viel-mehr das psychologische Interesse durch den aufregenden Stoff der Er-zählung fesseln. Im Laufe des Jahrhunderts aber, das in der wirklichenWelt die außerordentlichsten Wunder erlebte, ward nun die Einbildungs-kraft der Menschen aus allen Schranken gerissen und hinfort konnte nurdas Ungewöhnlichste in der Dichtung reizen, was die Werke des Tagesan wunderbarer Neuheit möglichst überbot. Die Vorherrschaft der Hci-ligendichtung erklärt sich ans der einen Seite durch diesen Hang, aufder anderen nährte und steigerte sie ihn nur desto höher. Für jede nochso seltsame, noch so wider- und übernatürliche christliche Sage hatte dieZeit den lebendigsten Glauben, denn hier schützte der diamantene Schilddes religiösen Glaubens selbst, den z. B. Hartmann vor die wunderlicheLegende von Grcgorius hält, der 17 Jahre ohne Speise gelebt habensollte: der Dichter fälscht dessen Glauben, dem es nicht wahr dünkt,denn Gott sei nichts unmöglich. Für die gespannte Phantasie jenesGeschlechtes aber bedurfte es einer solchen Abwehr der Zweifels oder dernüchternen Betrachtung nicht einmal. Das Abenteuerlichste und Wun-derbarste war vielmehr der Zeit das Erwünschteste; neu erstehende Sa-gen dieses Charakters verbreiteten sich mit Blitzesschnelle. Im Jahre1149 ward ein irischer Ritter Tundalus in einem todtähnlichcnSchlafe durch Hölle und Himmel geführt, und vor Ende des Jahrhun-derts haben wir in Deutschland bereits zwei Gedichte über diesen Ge-genstand. Die Sage scheint fast nach den alten Erzählungen von ThcS-pestuö (bei Plutarch) ins Christliche übergebildet und in die neuen Zei-
173) Das unbedeutende Bruchstück einer niederrheinischcn Dichtung über diesenHeiligen in Lachmann's „niederrheinischen Dichtungen" 1838. 4.