Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
168
Einzelbild herunterladen
 

168

Ucbcrgang zu der ritterl. Poesie der hohenstauf. Zeit.

Hartmann in dem Gedichte vom Glauben eine Reihe legendarischer Er-zählungen kurz berührt, so sicht man, in welchem Maaße er die Bekannt-schaft damit in seinem Leserkreise voraussetzen darf. Bis in die Massedes Volkes und in seinen lebendigen Gesang drang die Heiligensageherab, wie einst die Heldensage; im 12. Jahrh. sang man am RheineLieder vom heiligen Anno und noch in der Mitte des 14. Jahrh. bezeugtHermann von Fritzlar, daß die Blinden ans den Straßen von St. Nico-las' Zeichen und Wunder sangen.

Indem ans diese Weise die heilige Geschichte, von Christus, seinerFamilie und seinen Jüngern an bis ans den letzten Heiligen des Tagesherab, in den poetischen Bearbeitungen ihre zerstreuten und einzelnenStoffe einander näher brachte, rückten diese von selbst in einen einzigenKreis von epischer, christlicher Sage zusammen. Für das Vcrständnißder Entwicklung aller epischen, auf Geschichte ruhenden Sagendichtungdes Mittelalters ist der Neberblick dieses Legendcnkreiseö, der uns in sei-nem ganzen Umfange bekannt ist, außerordentlich lehrreich. ''Denn diesechristliche Sage, wenn man chronologisch ihre geschichtlichen Grundlagenund ihre dichterischen Bildungen und Umbildungen (von ihrer religiösenBedeutung absehend) verfolgt, entwickelt sich, ganz wie die verschiedenenweltlichen Sagenkreise in dem mittclaltrigen Epos, von dem Wirklichenund Geschichtlichen aus zum Wunderbaren und Erdichteten, vom Ein-fachen zum Mannichfaltigcn, vom Beschränkten znm Universellen; dieOertlichkeit und das Personal erweitert sich in derselben Weise, wie inaller ritterlichen Sage auch, und es ist von dem Bekannteren und Voll-ständigeren hier auf den oft nur lückenhaft bekannten Gang der weltlichenSagen ungezwungen übcrzuschließeu. Wir haben hier in Christus denMittelpunkt, den Helden einer Ueberlieferung, an der man wenig inner-lich zu ändern, der man nur äußerlich zuzusctzen wagte, ungefähr wie csmit Dietrich, Arthur und Karl der Fall ist. Sobald dieser erste und ur-sprüngliche Stoff in der dichterischen Bearbeitung erschöpft war, gingman auf den verwandten des alten Testa'mcntcs über, mit dem er Zu-sammenhang hatte oder erhielt. Dies würde sich der Znsammenfügunggetrennter oder verwandter Sagen in den ritterlichen Sagenkreisen ver-gleichen. Hicrnächst erweiterte man die Urquelle nach dürftigen Win-ken, die sie an die Hand gab, und hier fing das Apokrpphische mit demersten Aufsprnng der Sage zugleich an. Zwar von einigen der zwölfJünger gab es geschichtliche Ueberlieferung; allein die Reihe sollte ver-vollständigt werden, und von wem die Geschichte schwieg, von dem redetedie Muthmaßung und Erfindung vielleicht noch öfter als dunkle Ueber-