Legenden. Kaiserchronik.
167
kamen, standen in doppelter Bewunderung nnd schwelgten im Reize zwei-nnd dreifach merkwürdiger Erinnerungen. Sic brachten die Kunde vondem Gesehenen und Erfahrenen zurück, auch die von mancherlei gehör-ten nnd gelesenen Dingen; sie hatte» ihre eigenen und die Reiseabenteueranderer Zeitgenossen erlebt; andere Geschichten aus anderen Zeiten, dieältesten Sagen von den Seltsamkeiten und Wundern der Fremde wurdenausgefrischt, die Erzählungen der griechischen Dichtung, Geschichte, Wclt-und Naturkunde lebten ans zu neuer Verbreitung. Aber am nächsten lagdoch jenen vereinzelten nnd friedlichen Pilgern die fromme Sage von denchristlichen Heiligen nnd Märtyrern der Vergangenheit, denen sie sich anHingebung nnd Schicksalen am nächsten fühlen durften. Es waren dar-unter Priester, Gelehrte und belesene Leute in großer Zahl gewesen;wohin sie kamen, mochten sie mit den geistlichen Hirten und Brüdern inden fremden Landen die christliche Geschichte der Heimat, die Legendenvon den heiligen Thatcn ihrer Landcsgenossen am begierigsten auStau-schcn. Sie beschafften und verbreiteten daher aus und nach aller WeltEnden den massenhaften Stoff der heiligen Sage, in der kein nationalerUnterschied trennte, die in dem weltbürgcrlichen Christenreichc bald einAllgemeingut ward. In der Legende berühren sich daher die entferntestenVölker, die alten und neuen Sprachen, der Osten und Westen in ihrenUebcrlieferungen in der mannichfaltigstcn und ausgedehntesten Weise.Daher findet man schon frühe in der Sage von Andreas und Elene einebyzantinische Quelle, vielleicht unmittelbar, in angelsächsische Spracheund Dichtung übergegangen'ö«); die Sage von Josaphat, dem indischenFürstensohne, der von Barlaam bekehrt wurde, ging aus der griechischenUrschrift (des 8. Jahrhunderts) vom Johannes Damaseenus im12. Jahrhundert in lateinischer Uebersetzung durch alle Völker hindurchund aus ihr in alle Sprachen über; so machten damals und früher vondem äußersten Westen aus die Sagen von wälschcn und irischen Heiligendie Runde durch die Länder des Festlands. Die Legende breitete sich sozuerst unter den Geistlichen, in der gelehrten und Kirchcnsprache, in latei-nischer Prosa aus; Einzelne fanden dann frühe den Weg in die Volks-sprache, die sie zugleich in poetisches Gewand kleidete; in dem erstenJahrhundert der Kreuzzüge (im 12.), wo sich die ganze Welt zu christ-lichen Heldenthaten und zur Krone der Märtyrer drängte, geschah diesin Masse, und die Legende ward allgemein und so auch in Deutschlandder Mittelpunkt der dichterischen Literatur und Unterhaltung. Wenn
156) ui>6 Kien«;, Iisx. v. 1. Kriinin. 1846.