146
Die Dichtung in den Händen der Geistlichkeit.
einer vernünftigen Thicrwclt mit Fingern gedeutet wird, wenn dcnThicr-charaktecen ihre moralischen Bedeutungen gegeben, im Wolf und FuchsGierigkeit nnv Untreue versinnlicht genannt werden, so ist sogleich allerEindruck verfehlt. Der Dichter stellt sich über seinen Gegenstand undtheilt uns seine Weisheit mit und unser episches Interesse ist auf derStelle aus; er sucht uns mit seiner seinen Erzählung, mit Erfindung undAnlegung von Jntrigucn zu fesseln, und cs ist schon seltner, wenn die oftreizende, anschauliche, lebendige Erzählung den gleichmässtgcn Grund-ton der Schelmerei festhält, der hier bezweckt wird. Wenn die Thierehier auch mit Menschen umgehen, Menschen betrügen und mißhandeln,so finden wir darin eine Berletzung der allerersten Bedingungen, die einganzes Mißverständniß der Sage verräth. Das Haschen nach kleinerAusführlichkeit in der Erzählung ist hier so unleidlich, wie im Rcinardusdie Witzeleien; gleich find auch die endlosen Reden, welche die raschestenHandlungen unterbrechen, und diese üble Eigenschaft wird auch aus-drücklich (V. 5468) bemerkt. Es muß ferner jene Grundbedingungennothwendig verletzen, wenn hier auf der einen Seite ganz ohne alle Ver-anlassung die Thiere mit Prügeln, in menschlicherKleidung, mit mensch-lichen Waffen, mit Pferd und Sporen cingcführt werden, meist scheintes ohne daß man anders als figürlich davon redet, und auf der anderenwieder in ihren feinsten thicrischcn Eigenthümlichkeiten erscheinen, derHahn singend mit Einem geschlossenen Auge, mit gespreiztem Flügel,den er mit den Füßen tritt, die Katze mit ihrem Schwänze spielend undum sich selbst im Kreise drehend, und dergl. Es ist schwer, Gesetze zugeben und Grenzen zu ziehen zwischen dem Lächerlichen und Abgeschmack-ten, zwischen dem Gemeinen, was die Thiersagc schildert und dem nutz-los Lästerlichen, wozu sie hier übergleitct; doch sind diese Grenzen un-bestreitbar überschritten in der läppischen Branche 7, wo die Katze zweiPriester, welche sie fangen wollen, hcimschickt; in Br. 6, wo die Ho-stien durch den Fuchs aufgefressen werden; in der unflätigen Br. 14,deren Titel man heutzutage nicht einmal altfranzösisch hersetzen kann;in Br. 20, wo die Profanirung der Wallfahrtinsignien den Mißbrauchder Wallfahrten mit grobem Spotte straft. Es gibt kein Beispiel, wodas übertriebene Uebertragen menschlich äußerer Verhältnisse auf dieThicrwclt so in seiner ganzen Lächerlichkeit erscheint, als in eben dieserBranche in der Belagerung von Maupertuis. Die Häufung kindischerErfindungen, Neuerungen und Erweiterungen ist nirgends ekler als amEnde eben dieser Branche. Ueberall fast sieht man den Rcnart nichtsals die flachste Unterhaltung bezwecken, und im Allgemeinen verhält er