Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

136

Die Dichtung in den Händen der Geistlichkeit.

Sobald sich mm die Sage weiter ausbildete, sobald man Schimpfwör-ter aus den Namen und nach den Eigenschaften der Thiere machte, so-bald man Ereignisse in der Sage mit dem wirklichen Leben verglich, sowar eS natürlich, daß man auch aus dem wirklichen Leben Züge in dieSage zurücktrug und das einmal bemerkte Abbild desselben im Gedichtstets mehr aushcllte und bestimmter zeichnete. So bemerkt Willems,daß man in den inneren Händeln von Flandern im 13. Jahrhundertunter den Parteinamen der Blaufüße (einen Namen, den der Fuchs nochim Norden trägt) und der Jsengrimmer die Stände der Bauern und desAdels verstand. Da ferner diese Sagen sehr frühe in die Hände vonGeistlichen geriethen, die die lateinischen Fabeln kannten, gelehrt, ge-bildet, mit alten Dichtern bekannt waren, so erhielten sie gleich hier eineGestalt, in der es thöricht ist, den Stoff für die Hauptsache gelten lassenzu wollen, die vielmehr durchweg schon den Gebrauch zu einer unbehol-fenen Satire gegen den Mönchstand zeigt. Diese Sätze bestätigt aus-fallend die Eebasiö'^), das Gedicht eines lothringischen Verfassers,das vielleicht noch aus dem 10. Jahrhundert stammt, das älteste Denk-mal der Thierdichtung. Es behandelt die (äsopische) Erzählung vondem Arzt Fuchs, der den Löwen durch des Wolfes Haut rettet, denGrund der Feindschaft zwischen Wolf und Fuchs; die Hauptsache aberist dem geistlichen Dichter die schlecht erfundene Einkleidung, in der erwahrscheinlich seine eigene Flucht aus dem Kloster unter der Fabel einesaus dem Stall entrinnenden Kalbesper tropoloxiam" erzählt. DenWolf als Mönch darzustellen, ist, scheint es, schon den ältesten Zeitengeläufig; schon in dieserEebasis erschcinkcr so und auch imDupaoiusder ins 11. Jahrhundert gesetzt wird, wird ihm die Krone geschoren.Es ist möglich, daß diese Vorstellung im Anfang unter den Geistlichenselbst harmlos gepflegt und genährt ward, allein dazu gehört schon eine,ganz eigene Zeit. Eine solche Zeit mag eS vor Gregor VII. gegebenhaben; eine solche Zeit war auch daö spätere Mittelalter, aus der dieSteinbilder in dem Straßburger Münster sind, welche ein Todtcnamtfür den scheintodten Fuchs und einen Leichenzug darstcllen, eine Zeit,welche die tollsten und ausgelassensten Späße und Verspottung des Hei-ligen gestattete. In der Zeit des gereizten Kampfes der weltlichen undgeistlichen Macht möchte aber doch dergleichen schwer zu finden sein.Wenn daher z.B. in dem bvzantinischcn Querbau des FrciburgerDomS,

133) In den oft citirten lat. Ged. des 10. nnd I I. Jahrh.

13-1) Grimm, p. 410. Von MarbodiuS? Ln,Nieder eoOd. Vindnb. I, 171.