Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
127
Einzelbild herunterladen
 

Rcinhart Fuchs.

127

Menschen gesellige Zustände, das such genug geweckt werden mußte, undeine nur allgemeine Bekanntschaft mit den hervortretendsten Eigenschaf-ten der Thierc. Beides konnte der scharfsinnige, zu Räthseln, Allegorienund Parabeln aus undenklichen Zeiten geneigte Orientale leicht erwerben.Und gleichwohl scheint es, als müsse eine Gegend zum Entstehen derFabel gesucht werden und eine Zeit, die schon höhere Begriffe vonMenschlichkeit besaß, als sie der Orient im Alterthume fast durchgängighatte und die Heimat und das Zeitalter, das man dem Aesop gibt,scheint hierzu gleich gut passend, ohne daß wir übrigens damit leichtsinnigihn den Erfinder der Fabel zu nennen meinten. In irgend einer volks-mäßigercn Gestalt möchte sie allerdings viel früher dagcwescn sein, undeine unmittelbarere Form und Entstehung scheint auch die vortrefflicheFabel im Buche der Richter zu zeigen. Wer ihr aber die Gestalt deräsopischen Fabel gegeben, den darf man keck für ihren Erfinder ausgeben.Diese Gestalt darf man für das Anfängliche halten, denn alles frühereblieb in seiner Unmittelbarkeit ungeschrieben, und die Veränderung,welche der Fabel eine selbständige Bedeutung gab, war von solcher Folge,daß von da an, wo die Moral zur Seele der Fabel ward, diese kleineSchöpfung in sich einen Werth, eine Dauer und Festigkeit erhielt, derfast keine Zeit und keinerlei Entartung etwas Bedeutendes anhabenkonnte. Es wird daher Anstoß erregen, wenn Grimm von einer ge-schwächten Form, von Verdünnung der äsopischen Fabel spricht, unddamit gerade jenen strengen inneren Zusammenhang, jene durchdrin-gende und bindende Lehre meint. Er nennt dies die Fabel nach denEpimythien zuschneiden; die Kürze nennt er den Tod der Fabel,in die Lessing ihre Seele setzte; in diesem Sinne verwirft er die Lokman-schcn Fabeln, wie die Acsopischcn; in diesem Sinne spricht er LessingsFabeln das naive Element ab; das Thun seiner Thiere intcressire nichtan sich, sondern nur durch Spannung auf die erwartete Moral. Ob diesUrtheil richtig ist, ob Lessings Fabeln auf die Moral spannen oder nursie erwarten lassen, weil wir nicht anders gewöhnt sind, ob der Mangelan Naivetät nicht ein nothwendiger Begleiter aller neuen Poesie ist, obdas Epigrammatische in Lessings Fabeln nicht eine Eigcnthümlichkcit desVerfassers ist, die seinen Grundsätzen über die Fabel sonst keinen Eintragthut, dies Alles lassen wir dahingestellt. Gewiß ist das Eine, daß derganze Westen den Aesop und der ganze Osten den Lokman als die Quellealler Fabeln und ihre Fabeln als Muster angesehen hat; gewiß ist, daßdie Entfernung von der Kürze zur epischen erzählenden Breite in deralerandrinisch-römischen Welt und im Mittelalter, von Phädrus bis auf