Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
122
Einzelbild herunterladen
 

122

Die Dichttuig in den Hände/i der Geistlichkeit.

frage nach den österreichischen Dichtungen im Westen Deutschlands auchohne jene persönlichen Berührungen begreiflich machen würde. Beson-ders scheint eine solche Thätigkeit sich in dem gerade entgegengesetztenRaume Deutschlands, am Nicderrhcine, geregt zu haben. So haben wiroben gesehen, daß sich die Niederlande den Williram schon im 11. Jahr-hundert ancigneten. So sind unlängst Bruchstücke einer Evangelienhar-monie oder eines Lebens Jesu, wahrscheinlich von niederrheinischcm Ur-sprung, in Hriedberg gefunden worden die cm Alter wohl dem Ge-dichte derAva gleich sind. So ist man über das höhereAltcr und diegrö-siere Acchtheit der rheinischen und österreichischen Handschriften der Litanei,des Glaubens, der Kaiserchronik, des Alexander, und über die ursprüng-liche Herkunft dieser Gedichte noch keineswegs einig. So stellen sich denlehrhaften Reden der Hartmann und Heinrich ungefähr gleichzeitig diedes Wernher vom Niedere Hein gegenüber, den wir unten noch alsLegcndendichtcr werden kennen lernen; darunter Eine'^') von derGir-heide," die ganz in dem Sinne des armen Hartmann das weltliche Trei-ben bekämpft, und selbst die geistliche Buße am Ende eines habgierigenLebens verwirft, wie sie Geschichte und Sage, Wirklichkeit und Dichtung,den Friedrich I. und Alexander in diesen Zeiten beilegt. So werden wirweiter unten sehen, daß sich eine Reihe oberdeutscher Legenden eine selb-ständige Reihe von niederdeutschen im 12. Jahrhundert entgegenstellt,und den ersten Minnesängern, die in Oesterreich erscheinen, treten Andeream Mittel - und Nicderrhcine zur Seite. Dein Uebergcwichte der süd-östlichen Leistungen im 11. und im Anfang des 12. Jahrhunderts folgteein Gleichgewicht zwischen ihnen und den niederrheinischcn Bestrebungen,bis dann gegen das 13. Jahrh. hin das Uebergewicht unter den Ein-flüssen aus Flandern, Frankreich und England auf diese Seite herübertritt. Ehe aber diese Einflüsse beginnen konnten, mußten schon die Krcnz-züge und ihre Wirkungen auf den äußeren und inneren Verkehr der Völ-ker vorausgegangen sein. Diese Wirkungen entdeckt man auch schon inden Behandlungen derThicrsage, wie sic sich in den lateinischen und vul-garen Dichtungen jener flandrischen Geistlichen des 12. Jahrhunderts.darstellt, die sich, nach unserer obigen Acußcrung, der frommen Dichtungder Oesterreicher in einem scharfen Gegensätze gegenüberstellen.

128) Von Weigand mitgetheilt in Haupts Zeitschr. 7, 442. u. 8, 258.12S) Wernher Vom Niederrhein,. W. Grimm, p. 33.