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Die Dichtung in den Händen der Geistlichkeit.
Verfasser dieses Stücks ruft aber nur im Anfang die Jungfrau um Hülfeund Fürsprache an, das Ganze ist wesentlich eines Laien offene Beichtevor Gott, in der er sich von der Wiege ans aller ärgsten Sünden beschul-digt. Dem Geist und Inhalt nach stimmt dies allerdings sehr gut zuder Litanei, dies muß aber bei der offen getriebenen Freibeuterei in die-sen Dichterkreisen nicht zur Annahme von einerlei Verfasser führen. Soberührt sich diese Beichte wieder mit dem „verlornen Sohn" der Mill-stätter Handschrift"^), und beide mit anderen Bruchstücken, die manfür Theile eines Gedichtes von St. Pauls "^) Bekehrung genommenhat. Weniger unsicher als die Annahme der Identität der bei-den Heinriche ist die Meinung, daß das Gedicht vom Pfasfcn-leben "0) Verfasser der Todesmahnung angehöre. Beider Inhalt,so wie die Beschaffenheit der Sprache und Reime machen uns geneigterzu der Annahme, daß sie schon mehr der Zeit zuliegcn, wo die ritterlicheBildung anfkommt und auf die Sitten der Geistlichen cinzuwirken be-ginnt. Das Gedicht vom Psaffenlebcn kehrt sich ausschließlich gegen dasweltliche Leben der Geistlichen und schärft besonders den Cölibat ein.Ganz deutlich sagen hier einige Stellen, wie sich die Geistlichen in dasneue gehobene Leben des Ritterstandes cinmischen, wie sie Becher reichen,auf weichen Polstern manches Spiel beginnen, von Minne reden,davonsieviel schreiben hören, und von dem Umgang mit wohl-gcthanen Weibern wohl gern die Laien ausschlössen, da sie doch keine umsich dulden sollten als Mutter oder Schwester. Der Priester ist nach demPropheten ein Engel und soll auch englisch lieben, ihm gebührt nicht die„Gemeinheit und Höfischkeit" der Ritterschaft, sondern Keuschheit, Wohl-thun, Gastlichkeit, Schirm der Wittwen und Waisen. Man beachte ja,wie dieser Eindrang des Fraucnverkehrs und der Minne in die Dichtungin diese Zeit fiel, wo der Cölibat in der Geistlichkeit durchdrang. Sollteder Umgang mit dem weiblichen Geschlcchte unter dem schlimmen Bei-spiele, das die Geistlichkeit hier zu geben gezwungen ward, nicht ganz insGemeine versinken, so war es wohl nöthig und ein wahrer Segen, daßgerade jetzt die Ritterschaft den Frauen eine übertriebene Huldigungbrachte und die Marienverchrung dem Geschlcchte eine neue Heiligkeit lieh.
124) In Karajans d. Sprachdenkmalen I>. 45 ff. Sie enthalten noch mehrere kleineStücke aus diesen Zelten und Oertlichkeiten, wie die lehrhafte Rede vom Recht und dasallegorische Stück die Hochzeit, beide geistlichen Inhalts.
125) Eines in Haupt's Zeitschr. 3, 518. Das Andere bei Karajan a. a. O.
126) Altdeutsche Blätter 1836. I, 3.