Fränkische Zeit.
113
pflegen, mit sehr wenigen Abschweifungen; beide Bearbeitungen erzäh-len schlecht und recht, die jüngere in etwas gefälligerem Vortrage; einigeschwankartige Stellen, wie die von Jakob's Betrug und von BileamsEsel, sind mit humoristischer Vorliebe behandelt, bei einigen Namenwerden Reimspiele versucht; sonst wagen sich beide in der Kunst derSprache und Darstellung nicht weit; bei schwierigeren Stellen fluchtetder Dichter ins Latein. Dies tritt in dem dritten Theile ein, wo schonin dem älteren VorauerTexte ein anderer Geist in veränderterDarstcllungarbeitet. Hier schleichen sich schon apokryphe Sagen neben der Bibelcr-zählung ein; eS sind hier einzelne Stellen ans den „vier Evangelien" ent-lehnt; die Einmischung lateinischer Worte, der symbolisirende Hangscheint von dort mit eingezogen zu sein; die Geschichten von Moses sindhier nur kurz erzählt; gegen Ende springt der Dichter von Josua (Jesus)plötzlich auf Christi Geburt und einen Marienhymnus über, dann ebenso unvorbereitet auf Bileam; dann wird ein neuer Gegenstand, das jüngsteGericht, angekündigt, der aber nicht ausgesührt, sondern von einer Pre-digt ersetzt wird über das ähnliche Thema wie am Schluffe der vierEvangelien. Die sinnbildlichen Beziehungen sind in diesem Theile demDichter zur Hauptsache geworden; selbst der Titel, den er dem Werke zugeben scheint""), legt daS ganze Gewicht ans diese Deutungen; es sindderen aber zu zahlreiche und zu gezwungene hereingezogen, als daß dieInnigkeit in jenem Gedichte Ezzo's oder in der „Schöpfung" dabei aus-halten könnte. Noch weniger gefallen die sinnbildlichen Bestandtheile desGedichtes von dem „himmlischen Jerusalem" (bei Diemer p.361),das eine Stelle der Offenbarung Johannes' frei bearbeitet, in seinemgrößeren Theile aber, wo die Kraft und mystische Bedeutung der Grund-steine des himmlischen Jerusalems auögelegt wird, den kleineren Werkendes Marbodius (ff 1123) folgt, der über die Kräfte der Edelsteine auchein lateinisches Gedicht verfertigt hat.
Zu den „Büchern Moses" bildet das Leben Jesu von einer FrauAva, die als Klausnerin in Göttweih lebte und 1127 starb, gleichsam
1Ü5) Es heißt (bei Diemer a. a. O. g. 8S) gegen den Schluß hin:
Dar liet deiret iliu rvnrdoi t; dar ist dein tisvol so leit,svv» er dar Ilüret singen oder sagen, oder delivin rede volle goto linden.Diemer findet den Titel unpassend. Es ist aber doch dieselbe Bezeichnung, die auch inden „vier Evangelien" gebraucht ist, wo die Geschichte des alten Testaments den vorbe-deuteten Erfüllungen wie der gegenwärtige Schatten der künftigen „Wahrheit" ent-gegengesetzt wird (g. 327), und wo diese cingetretene Erfüllung ebenso als das Verderbdes Teufels geschildert wird, wie hier die Rede oder der Sang davon als seine Qual.
Gero. d. Dicht. I. Bd. 8