112 Die Dichtung in den Händen der Geistlichkeit.
diesen Zeiten erkennen wir Deutsche dort Fleisch und Geist von unseremGeist und Fleische; und es waren diese Lande, wo sich nicht allein jenegeistliche Poesie bis spät ins 12. Jahrh. fortsetzte, sondern hier dichtetenvielleicht auch die Geistlichen, die sich dann zuerst an weltliche Gegen-stände und größere epische Dichtnngsstoffe wagten, hier erscheint derMinnesang in seinen ersten Vertretern und wahrscheinlich auch in seinengrößten, hier wetteiferten die babenbergischcn Fürsten mit den thüringi-schen an freigebiger Ermunterung der Kunst, und unsere nationalen Epenwurden hier in die Gestalt gebracht, in der wir sie lesen. Was uns hierzunächst beschäftigt, ist das weitere Verdienst, daß hier im 11. Jahrh.der Funke deutscher Poesie glimmend erhalten wurde, als er fast überallsonst zu erlöschen schien. Eine Reihe von Dichtungen, meist in österreichi-schen Klöstern entstanden, schließt sich in der Zeit, wie durch verwandtenGeist und Inhalt, den beiden letztbesprochenen Merkchen an. Die Deu-tung und Beziehung der alttestamentlichen Thatsachen und Verkündungenauf die Mysterien des neuen Bundes, der Gegenstand auch Williram's,ist der eigentliche Mittelpunkt eines großen Theiles dieser Dichtungen.Das „Lob Salomons" und die ältere „Judith" (bei Diemer p. 107und 117) gehören noch iüö II. Jahrh.; das elftere ist ein ähnlicher,viel minder geschickt behandelter Hymnus; an die epischen Anhaltspunkte,(die biblischen Geschichten von Salomo'ö Wahl und Tempelbau, unddie apokryphe von einem Drachen, der alle Brunnen in Jerusalemaustrank, bis er, durch Salomo berauscht, ihm ein Mittel zur Förderungseines Baus angab) ist mit kurzen Worten die Deutung des Königs, derKönigin von Saba, der Dienstmaunen Salomo'ö angcknüpft auf Gott,die Kirche und ihre Diener. Das Bruchstück der älteren Judith undeine jüngere, dem 12. Jahrh. angehörige Behandlung desselben Gegen-standes, die dem Bibelterte folgt (bei Diemer p. 127), sind beide nurbiblische Geschichtöerzählung ohne Bezeichnungen. Dagegen die „BücherMoses" (beiDiemcr p.3) reihen sich theilweise durch ihren sinnbildlichenInhalt wieder jenen älteren Gedichten an. Das Werk ist uns in doppel-ter Gestalt erhalten; die jüngere Bearbeitung "H, die die Genesis undeinen Theil des Erodus umfaßt, fällt noch vor 1122; die ältere, derenmittleren Theil (die Geschichte Josephs) Diemer nicht hat abdruckenlassen, Weiler mit dem jüngeren Terte ziemlich genau zusammenstimmt, ge-hört noch dem 11. Jahrh. an. In ihren ersten Theilen ist diese Dichtungnichts als biblische Geschichte, wie wir sie für die Jugend auszuziehen
104) In Hoffmann's Fundgruben. II, 9 ff.