118 Die Dichtung in den Händen der Geistlichkeit.
Zeit Herabsetzelt, so scheint uns dagegen kein Zweisel, daß die „vierEvangelien" (bei Diemer p. 319), die von Anderen als das ältere„Anegenge" bezeichnet werden, ein Werk von Ezzo seien. Die vorhin vonuns (in Note 99) angeführte Eingangsstelle scheint uns nur einen Sinnzu haben, wenn man anniimnt, sie sei der schon fertigen „Rede" vorgesctztworden, nachdem eben diese Rede (und nicht die „Schöpfung") jeneWirkung gemacht hatte, welche in eben diesem Eingang dem „Liede"Ezzo's"') zugeschriebcn wird. Beide Gedichte sind, wie alle in diesenZeiten, von der äußersten Einfachheit der Sprache und deö Satzbaus,die Reime bloße Anklänge, die Verse sehr entfernt von denen, die Hart-mann geschlichtet und Lachmann gerichtet haben; doch aber sind cs wirk-liche Dichtungen, die offenbar sogar der Lyrik weit näher sind als derProsarede. Es sind Hymnen im lichtesten Stile, besonders die „vierEvangelien" durch ihren epischen Kern, dem sich Gebet, Erbauung undLehre nur anfügt. Das letztere Gedicht ist in demselben Geiste geschrie-ben, wie die Schöpfung und wesentlich von demselben Inhalte. DieRede, die der Dichter halten will, „sind die vier Evangelien"; er willdie rechte, eigentliche Schöpfung besprechen, d. h. die Gnade (der geisti-gen Neuschaffung), die uns in dem alten Bunde verkündet ist, d. h. dasgeistige Verhältniß zwischen Schöpfung und Evangelium oder Erlösung.Er beginnt daher mit der Schöpfung und Ausstattung des Menschen,wie das vorige Gedicht, mit dem Sündenfall und der Nacht, in die erdie Menschheit warf; er führt dann an den einzelnen Sternen vorüber,die zur Zeit des alten Bundes Licht warfen, zu dem Morgenstern (Jo-hannes dem Täufer) und der Sonne, die den Tag wiedcrbrachte. ChristiLeben und Wunder werden kurz berührt: was Alles verkündet war inden Propheten und geistlich vorbedeutet in Abels Lamm, in AbrahamsOpfer u. s. f., dessen Erfüllung trat ein, als das hehre Osterlamm ge-opfert ward, dessen Tod das geistige Israel von Pharao's Joch erlöste.Der Schluß geht dann bildreicher und kürzer als in der Schöpfung zurLehre über: im Vertrauen auf den guten Führer den Kampf mit demBösen um unser Erbtheil zu kämpfen; auf dem Meere dieser Welt zumHimmel, unserer Heimat, zu steuern, das Kreuz zur Segelstange, denGlauben zum Segel, die guten Werke zu Segeltaucu, den heiligenGeist zum Fahrwind. Will man auch hier vergleichend den Werth desGedichtes sich anschaulich machen, so muß man daneben eine spätere Be-
101) Diese beiden Bezeichnungen (Rede und Lied ) für einerlei Gedicht finden sichauch in der jüngern Judith vor.