Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
103
Einzelbild herunterladen
 

bekommen. Wer im Innern deS griechischen Tempels die Erhebungsucht, die er im gothischen Dom erhält, oder in der griechischen Poesieden Reichthum an Gefühlen und Gedanken, den die neuere darbietet,der geht eben so fehl, wie wer umgekehrt vom Bau und Gedicht derDeutschen die Anregung der Einbildungskraft durch die formelle Erschei-nung erwartet. Beides ist in seiner Art groß; als Kunst, die streng ge-nommen nur mit der Form für die Phantasie sich beschäftigen soll, istdas Griechische reiner.

Wir gingen davon ans, zu zeigen, wie die historische Entstehungunsers VolksepoS schon die zerrissene Gestalt desselben bedingt, die zuerklären wir nicht von zu vielen Seiten versuchen können. Wir suchtenoben durch die großen Räume, die es umspannt, dieser Aufgabe näherzu rücken; jetzt aber nahmen wir die großen Zeiten, die es umspannt,zu Hülfe; ans die großen Ideen, die in allen besseren Gedichten desMittelalters niedergelegt sind, kommen wir später beim Kunstepos derHofdichter zurück, bei welchen diese Ideen ebenso vorherrschen, wie sie inunserm Volksepos, wie sie in jeder ächt epischen Poesie zurücktreten, undwo wir dann nach den bisherigen doppelten Erörterungen schon vorbe-reiteter anlangen.

3. Fränkische Zeit. Geistliche Dichtung in Oesterreich.

Noch während der ganzen Regierungszeit der fränkischen Kaiserblieb Wissenschaft und Kunst in den Händen der Geistlichen, und alleBildung ihr ausschließlicher Besitz. Und dies dauert bis gegen Endedes 12ten Jahrhunderts, bis zu der Zeit des aufkcimendcnRittergesangsfort, wo wir noch jenen Werner, Lambrecht, Konrad begegnen, die unsals Brüder und Pfaffen bezeichnet werden. In den dichterischen Werkendieser letzteren schlägt schon der Geist des Ritterthums durch, währendin den lateinischen Dichtern unter den sächsischen Kaisern noch der Rück-blick auf das Heldenzeitalter unsers Volks und seiner Dichtung gestattetwar, während die karolingischen deutschdichtendcn Geistlichen ganz ihresAmtes gelebt und nur christliche Lehre und Mythe behandelt hatten.Ganz verschieden von den Richtungen dieser drei Gruppen ist die geistigeBeschäftigung, die wir in der dazwischcngclegenen Zeit der fränkischenKaiser unter den Geistlichen vorherrschend finden. Ans das angeregteJahrhundert der Ottonen folgte eine Zeit der Erschlaffung, wo sich diegeistigen Kräfte erst wieder sammelten, die nachher den glänzenden Auf-schwung der hohenftaufischen Zeiten tragen sollten. In Kunst und