Volksdichtungen in latein. Bearbeitung.
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den Sitten derselben auch geschichtliche oder dichterische Gestalten darausanzneigncn. Es erscheint also der thüringische Jrmensricd in den Nibe-lungen, und Pilgrin von Passau, und jener so eng eingcflochtene Rüdi-ger, von dem es nun ganz gleichgültig ist, ob er eine geschichtliche oderblos dichterische Persönlichkeit ist. So ist im Herzog Ernst von Adel-heid auf Gisela, von den Ottonen auf Kourad, von Ludolf auf Ernstübergegaugen, und dies Einschieben späterer Personen bei der Umarbei-tung älterer Gedichte setzt sich im Rüther, in der Kaiserchronik, im Wi-galois, bis in noch spätere Zeiten fort. Nicht allein im VolkScpos,auch in der Kunstpoesie herrschen dieselben Verhältnisse. Die höfischenDichter des 13tcn Jahrh. gaben ihren alten Erzählungsstoffen das Ge-wand der neuesten Zeit; und weit entfernt, daß dieser Eindrang desNeuen ihrer Dichtung so schädlich geworden wäre, wie bei den Griechen,entfaltete sie gerade ihren.höheren Glanz unter ihnen, und den höchstenbei jenem Gottfried von Straßburg, der das gegenwärtige Rittcrlebenam unverholensten abschilderte. So ists auch unter den Romanen. Jeentschiedener Ariost seinem Gedichte die Farbe seiner Zeit gab und dieAussicht auf das Feuerrohr und die neue Welt und was alles seine Zeitentdeckte und erfand, desto besser ward es; je mehr Tasso zurückblickteund historisch verfuhr, desto schlimmer war es; und er verstand seinenVortheil schlecht, wenn er sich später anklagte, nicht geschichtlich treu ge-nug geblieben zu sein. Jede neue Idee und Richtung, die irgendbedeutend in der Folgezeit heraustrat, und willkührlich dieser oder jenerVertreter solcher Richtungen, wurde in unser Epos im Laufe der Zeitenausgenommen. Man steht nirgends fest; von einer Zeit wird mau indie andere, von einer Sitte zu einer anderen versetzt, und die jüngste Be-arbeitung trägt in einzelnen Stellen die Farbe der jüngsten Zeit. Woin dem griechischen Epos Alles Einheit ist, ist hier Alles zerrissen; des-halb ward die Einheit der Nibelungen so wenig, die des Homer so hart-näckig vertheidigt. Deshalb lockte das deutsche Gedicht stets mehr diewissenschaftliche Nntersuchungslust über Entstehung, Gestaltung undSage, das Griechische befriedigte vor allem den poetischen Genuß. Eszieht daher den Knaben von selbst an, dem die Nibelungen erst späterund wie oft gar nicht Zusagen, denn es fesselt die Phantasie und über-zeugt von seinem Wcrthe das Gemüth, ohne erst den Verstand überzeu-gen zu müssen. Daö deutsche Epos veränderte mit der Zeit Alles, nurdie Form, die die Hauptsache hätte sein müssen, am wenigsten oder amsorglosesten. Das Nibelungenlied erhielt nicht einmal einen so feinenletzten Ordner, wie die Gudrun. Alles klafft von Lücken, und die Sprache