98 Die Dichtung in den Händen der Geistlichkeit.
slechtung von Abenteuern, in dem Britischen sind es irrende Ritter, dieuns stets wieder begegnen (um von Einzelheiten der Mythologie unddergleichen zu schweigen); im deutschen Volksepos ist eS, ganz ent-sprechend der Eigenheit, daß es die Heroenzeit in ihrer Allgemeinheitzum Gegenstände nahm, der Kamps, und zwar der Einzclkampf beson-ders, der Preis der Stärke und der Ruhm des Sieges. Der zweite Theilder Nibelungen und der Waltharius tragen diesen Charakter neben demHildebrandliede am reinsten; später ist er im Rosengarten treu ausgefaßtworden und er liegt in einem weiten Kreise in dem Theile dcrMltina-sage ausgcbrcitet, der Dietrichs Helden um diesen versammelt. Dies istjedoch nicht erschöpfend; es ist nur Eine Seite des deutschen Epos hier-mit (in jener allgemeinen Weise, wie cs dem Fremden gegenüber selbstim Stoffe Eigenthümliches darstcllt) charaktcrisirt; ein anderer Theil derViltinasage, der sich um Werbung um berühmte und schöne Frauen undum Kricgszüge in der Ferne dreht, ist eine zweite Seite des deutschenepischen Gedichtes. Jene erste allgemeinere Seite ist die ältere; ihreFeststellung und Gestaltung und gewissermaßen Vollendung mußwohl in den Zeiten gesuchtwerdcn, vondencnwirjehtredcn. Zujcnerzwei-ten Seite legtcndieseZeiten den Keim. Den abenteuerlichen Zug Otto's 1.nach der schönen Adelheid und die Verbindung Otto's II. mit Theophaniadarf man geradezu, wenn nicht als die Quelle solcher Erzählungen vonBrautfahrten und Brautkciegcn, doch als aus dem gleichen Geiste mitdiesen entsprungen ansehen, und die Möglichkeit eines früheren Daseinssolcher Sagen schlechtweg leugnen. Diese Sätze, die früher sehr gewagtscheinen konnten, haben durch die Auffindung des Ruodlieb eine Stützeerhalten, der diese vageren crfindungsvolleren Sagen eröffnet und seinerganzen Beschaffenheit nach noch wenige Vorbilder gehabt haben kann,wie denn auch keinerlei Quelle in ihm genannt wird.
Ist es nicht eine willkührliche Annahme, daß in der OttonischcnZeit unser Volksepos eine neue Umgestaltung empfing, so hätten wirjetzt neben der Zeit der Entstehung der Siegfricdsage, und neben der Völ-kerwanderung schon die dritte Periode, die mit ihren Zuthaten hier ein-zuwirken suchte, und später wird cs die leichteste Arbeit sein, noch dievierte und fünfte Hand nachzuwcisen und die Farbe des 12. und13. Jahrhunderts. Viele Zwischenglieder und Durchgänge mögen unsbis auf die letzte Spur verschwunden sein. Wenn nun nicht Alles, wasman über Volksmäßigkeit eines Epos sich vorstellt, Faselei und Traumbleiben soll, so scheint dies das Einzige zn sein, was einen solchen Aus-druck rechtfertigt. Stoffe, in sich so groß, so weit, so fest und gewaltig,