92 Die Dichtung in den Händen der Geistlichkeit.
Rückkehr bestimmt. Er erhält Urlaub und Geschenke, und auf die Fragedes Königs, ob er lieber Gold oder Weisheit wolle, entscheidet er wieSalomo. Der König gibt ihm 12 Lehren mit, die nun im Verlaufe desGedichts am Helden durch Erfahrung sollen geprüft werden. Unserelückenhaften Reste lassen uns diese Abenteuer nur thcilweise verfolgen,die wiedas ganze Gedicht sehr ins Breite gegangen sein müssen. Nachdemder Held heimgekchrt ist, hören die Bruchstücke leider gerade da aus, wo dieErzählung eine neue unerwartete Wendung nimmt. Die Mutter träumteinen jener vorbedeutenden Träume, die der deutschen Sage eigenthüm-lich sind und Zeugniß von ihrer mythischen Einfachheit geben; er ver-heißt ihrem Sohn hohe Ehren. Im 17. Fragmente hat cs Ruodlicb miteinem Zwerge zu thuu, der ihm den Schatz zweier Könige, Vaters undSohnS, Jmmunch und Hartnnch verspricht. Hier scheint sich das Ge-dicht an die deutsche Heldensage anlehnen zu wollen, die auch (im Eggen-licd) einen König Ruotlieb kennt. Im ganzen Inhalte erkennen wir denCharakter jener freier behandelten deutschen Sage, wie sie Herzog Ernst,König Rüther und ähnliche Stücke darbietcn, und die Kluft zwischen die-sen und unserem lateinischen Werke ist weit nicht so groß, als zwischendem Walther und den Nibelungen. Dies erklärt sich aus dein Charakterder eigentlichen Heroensage, die sich den Geschlechtern weiterhin mehrentrückte, während diese neuere Färbung tragenden Dichtungen sich wei-terbildeten und dem romantischen Geschmack, der später hercinbrach, mehrentsprachen. Schon der kleine Zeitraum, der die Entstehung des Waltherund Ruodlieb trennen wird, mag erstaunlich viel zu der Veränderung derzeitigen Geschmacksrichtung in Deutschland bcigetragen haben, weil ebenin diese Jahrzehnte der Haupteifer für die alte Literatur, und der Haupt-glanz der byzantisircndenOttonen fällt. Dies aber ist ja einHauPtgeprägejener Dichtungen, wie Morols, Ernst, und wie auch unseres Ruodlieb,daß sie Heimisches und Fremdes, Altes und Neues, Gelehrtes undVolksmäßiges, Mährchcn und Züge der griechischen Romane, Erdich-tung, Mythe und Geschichte mischen. Kann es ein stärkeres Beispieljener Verbindung streitender Elemente geben, die wir eben diesen Otto-nenzeiten eigen fanden, als gerade diese Dichtungen, die am ent-schiedensten gelehrte und volkömäßige Behandlung erfahren haben, dieaus Erzählungen fahrender Sänger lateinische Gedichte wurden, will-kührliche Zusätze aus den Büchern und Köpfen der Mönche erlitten, undin dieser Gestalt späterhin wieder übersetzt von gelehrten Laien wurden,zuletzt wieder in die Hände von Bänkelsängern oder Vorlesern gekommensein mögen? So hätten wir im Ruodlieb gegen den Schluß augenschein-