Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
89
Einzelbild herunterladen
 

Volksdichtungen in latein. Bearbeitung.

89

hardIV. (Z um l07t>), derselbe der auch jenen alten Lobgcsang Ratpcrtsauf St. Galluö, so treu als ihm möglich war, ins Lateinische übersetzthatte, verbesserte sie; und es ist ungewiß, ob dies unser erhaltener Tertist. Wir sehen hier an einem vollkommen klaren Beispiele die deutscheHeldensage aus dem Kreise des Attila und der Wormser Könige in denHänden eines Geistlichen und Lateiners; und wir sehen in der Behand-lung durchgehend jenes eben angegebene Vcrhältniß. Die acht deutscheHcldenzeit ungetrübter von demRitterlichcn als selbst in den Nibelungen,ungetrübter auch von dem Geist ausschweifend romantischer Liebe, roheKricgssitten, heidnische Anklänge, grausige Darstellung ohne viele Mil-derung durch christliche Sanftheit, ein ächtes Herocnzeitalter, in demnoch der Edle, wenn auch nicht eben mit Freude, sein Landgut baut so-bald er Hausvater ist (V. 153), tritt hier so bestimmt und so ganz ent-fernt von dem Anstrich der späteren Epen heraus, daß dies den früherenHerausgeber^) verführte, das Gedicht viel älter noch zu machen als esist. Die ächtesten Züge der deutschen Sage sind aufs treueste bewahrt.Accht alt ist der Attila als ruhender Tartarfürst; ächt die schlechte Nolle,die Günther spielt,' der hier schon aus einem Burgunder ein Frankegeworden ist, wie denn die späteren Dichtungen sein Geschlecht wech-selnd als Burgunder und fränkische Nibelungen bezeichnen. Aecht deutschist die Erwähnung der Wappen auf deu Schilden; besonders aber jeneriesenhaften Späße: als Walther von Randolf durch einen Schwerthicbum einige Haare gebracht wird und dafür den Gegner tödtet, ruft erihm nach, für die Glatze nehme er ihm den Kopf (V. 979); als er amEnde mit Hagen und Günther fertig geworden ist, so daß Er seine rechteHand, Günther einen Fuß und Hagen ein Auge eingebüßt hat, trinkensie einen Versöhnungstrank; und nun folgen wieder Scherze über ihreWunden und Hagen räth unter andern dem Walther, einen ansgestopf-ten Handschuh an der Rechten zu tragen. Die einfache Handlung, eineReihe von Zweikämpfen; der Geist, der nichts als Kampf athmct; dieLiebe Walthers zu Hiltguuden, die er von Attila's Hof entführt, ohneeine Spur jenes zärtlichen Liebesdienstes der Späteren; die Entfernungvon Wundern, Zaubereien und Ungeheuern; jene naive Frömmigkeit, dieden unschuldigen und fromm biederen Geist der ganzen Zeit und derdarin entstandenen Geschichtswerke, wie Thietmar's, abspiegelt, all daszeigt, wie treu und wahr das Leben und die wirkliche Sitte der Zeit indies Gedicht übergcgangen ist. Für eine mäßige Prahlerei, die ihm ent-

78) kV L. kiseksr, de prima expeditione Attilas etc. k,ixs. 1780.