Chnstl. Dichtungen im neunten Jahrhundert.
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daraus entstand der Nibelungenvers. Für die höfischen Reimpaare aberwurden vier Hebungen auf die stumpfe Reimzeile , drei auf die klingendedie Regel, so daß jene dem Otfciedischen, diese dem Nibelungenverseentspricht.
Was die dichterische Sprache betrifft, so erinnert die niedersächsischeEvangelicnharmonie, in dieser Beziehung ein unschätzbarer Rest, mehran die Volkspocsie; sie hat jene stehenden Umschreibungen und Wieder-holungen, die auch der angelsächsischen und isländischen Dichtung eigen-thümlich sind; Otfricd dagegen erscheint überall als freier Bearbeiter,wo der Sachse vor seinem Stoffe verschwindet und seine Persönlichkeitdem Gegenstände untecordnet. Wenn dieser den Evangelientert verläßt,ist es an Stellen, wo ihm die Volkspocsie Stoff und Ausdruck für epischeAusführung oder Ausschmückung leiht, wie bei dem bethlehemitischenKindermord ^). Wo er in der Beschreibung des jüngsten Gerichts^) dieStellen des neuen Testamentes, welche zu Grunde liegen, verläßt, er-innert er noch bestimmter an den Ton der Volksdichtung, und Anklängeaus den Vorstellungen des scandinavischen Heidenthums von dem Welt-untergänge, mit denen sich die christlichen vom Antichristen mischten,spielen herüber, was noch deutlicher ist im Muspilli, wo der Streit derhimmlischen und höllischen Geister um die gestorbene Seele, der Kampfdes Antichrists mit Elias, aus dessen Wunden das fallende Blut denBrand der Erde erregt, die ganze Darstellung noch epischer macht, wäh-rend an dieser Stelle bei Otfried persönlicher Lehrton herrscht und Stellenans Joel und Zephanja lieber gebraucht werden als die epische Ausfüh-rung des Gerichtstags in den Evangelien, die der Sachse genau beibe-hält und gcmüthlich bearbeitet. Ucberall hat Otfricd an solchen geho-benen Stellen einen lyrischen und lehrhaften Charakter; hier, wie in derBeschreibung deS Himmelreichs oder im Preis des Kreuzes und der Aus-legung seiner Bedeutung, treten oftmals Psalm- und choralartige Wieder-holungen und Refrains ein, die ans wirklichen Gesang berechnet waren,wie denn auch eine kleine Stelle in dem Heidelberger Coder mit Sing-noten bezeichnet ist^ch. Der Niedersachse hat nur an Einer Stelle eineallegorische Deutung der Geschichte von dem geheilten Blinden mitOtfried gemein, sonst sind seine Entfernungen vom Tcrt zwar häufig,aber nie bedeutend; „bloße Erweiterungen, nicht Abweichungen; bloß
64) Heliand p. 22.
65) Idick. p. 131.
66) I, 6. V. 3. 4.