54 Wirkungen d. Völkerwand. ans d. geschichtl. Volksgesang.
erschütterung liegen die Stoffe unserer Epen, mitten unter jenen Bege-benheiten, durch die mit dem Kern und Marke unseres Vaterlands dieentartete alte Welt ncngcschafsen und ganz Europa mit unserem Bluteverwandt ward. Unter den Eroberungen und Wanderungen mußte derGesang stocken; denn wo— auch in unseren Zeiten — blüht der geistigeVerkehr in der Mitte der Thaten? Bis sich die Stämme friedlich nieder-gesetzt hatten, war plötzlich der geistliche und gelehrte Stand an derSpitze, ec war unentbehrlich, er nahm sich aller Dinge an, cS war ihmeine Angelegenheit, die heidnische Sage zu hemmen; kein Skaldenstand,der die Dichtung wie ein Eigenthum gepflegt hatte, stand ihm entgegen;im ausgewandcrten Volk schrieben die Pfaffen lateinische Geschichten,die Niemand verstand, als sie selbst, kein Sänger brachte ins Mutterlandeine Kunde zurück. Wie sollten so die einzelnen Thaten einzelner Heldenerhalten werden? In Griechenland feierte jedes Städtchen den Namendes Heros, den cs nach Troja geschickt, kannte alle seine Genossen, er-zählte von ihnen und besang sic, und der lebhafteste Verkehr trug ihreNamen mit ihren Thaten in die ganze griechische Welt. Aber hier wurdenwer weiß wie viele Völkerstämme vergessen! wie viele Helden nie imLiede gefeiert! Nur die obersten Häupter blieben erkennbar; und unterdiesen war Attila auch in der Wirklichkeit wie ein Meteor vorübergcgan-geu, im Pomp eines asiatischen Despoten mehr, als in der rüstigenThätigkeit eines alten deutschen Fürsten; und Theodorich im entferntenSüden schloß Bündnisse und politische Hcirathcn, stellte die Laudescultnrin Italien her, und schickte Feldherren an die selten bedrohten Grenzenseines ungeheueren friedlichen Reichs. Wie sollte es anders sein, alsdaß jede Sage leer an Stoff war? daß jede Kunde in Mangel an In-teresse, in Ungewißheit, in Allgemeinheit schwamm, die dann jeden ein-lud, der ursprünglich mageren Dichtung einen Zug der Erdichtung zuzu-sctzcn. Aller alte Stoff ward über dieser Erschütterung vergessen; dieserneue aber konnte weder zur Geschichte werden, denn Niemalid konnte da-mals das römische Reich oder die barbarischen Nationen überblicken; nochauch konnte er zur poetischen Sage werden, denn auch hier war derGegenstand zu unendlich groß, als daß er dichterisch hätte bequem auf-gefaßt werden können. Dennoch kann man sagen, daß cs geschehen sei.Es geschah in Deutschland, welches nach der maßlosen Erschöpfung durchdie Wanderungen in den nächsten Jahrhunderten so gut wie gar keineeigne Geschichte, keine neuen Interessen haben konnte, das also seineganze Aufmerksamkeit seinen ausgewandcrten Söhnen widmen durfte.Wäre der Schauplatz mit dem Auge leicht zu überfliegen gewesen, so