46 Wirkungen d. Völkerwand. auf d. gcschichtl. Valksgcsang.
Verhältnisse als auf die Erscheinungen der Natur wirft. Die ganzeGeschichte der deutschen Dichtung und Sage, wenn wir auf Zeugnisseund Urkunden bauen wollen, zeigt bis jetzt, daß, je weiter wir in derZeit zurückgehen, desto mehr die menschliche Wahrscheinlichkeit wächstund die geschichtliche Anlehnung deutlicher wird. So ists auch in dergriechischen Sage; und Einerlei Scheide ists, die die seandinavischenund deutschen, die thracischen und griechischen Stämme, so wie die mehrauf die Natur gerichteten und historischen auf den Menschen bezogenenSagen in beiden Ländern trennt. Aller Sage Grund beruht immer aufThatsächlichcm, nur dies macht sic zur Erzählung; der Mensch hat nichtszu erzählen, was sich nicht auf Beobachtungen thatsächlicher Verhältnissebezöge. Seine Erzählung wird Geschichte, wo sie einen klaren Gegen-stand hat, dem der Erzählende gewachsen ist; sie wird Sage und Mythe,wo der Gegenstand unsaßlich, der Erzähler noch nicht bcobachtnngsfähigist. Zwei große Gegenstände aber hat schon der ursprüngliche Menschseiner Beobachtung gegcnübergelcgt: Natur uud Menschen. Das Er-scheinende in der Natur ist ihm objeetiv räthsclhaft und dunkel, das Ge-schehendcuntcrdcn Menschen aber nur seiner mangelhaften Beobachtungs-gabe nach; beides verschwimmt vor seinem idealen Bildungötricbe ansdem Wirklichen ins Wunderbare, und das letztere erfahren wir in denHellsten Zeiten noch jeden Tag. Die nnsaßlichcn Erscheinungen in derNatur aber werden den Menschen allmählig klarer durch ihre stete Wie-derholung und Gegenwart, durch immer erneute Einprägung ihrerWohlthaten oder Schrecknisse; das Geschehende wird deutlich, aber nochnicht des Geschehenden Grund. Gründe geschehender Dinge aber hatder Mensch in sich selbst und der Willenskraft seines Geschlechts gefun-den, er holt daher mit einem der Phantasie eigenen Pragmatismus dieErklärung der Naturwunder aus der Menschheit, belebt die Kräfte dertodten Natur, gibt ihnen Persönlichkeit und Willkühr, knüpft sie an dieMenschheit, aus der er sie entwickelte, wieder aichund bildet sich seineGötter. Ganz umgekehrt werden die an sich, im Augenblick des Ge-schehens, faßlichen Begebenheiten unter den Menschen allmählig unklar,weil sie sich nicht wiederholen, weil sie verschwinden, weil eine stets neueGegenwart stets neue Ereignisse in die Seele prägt und die alten ver-drängt. Sollen diese halten und dauern, so müssen die menschlichen Ur-heber ungemessene Wohlthaten oder gewaltsame Andenken den Geschlech-tern hinterlasscn haben, die sich gleich den wiederholten Wirkungen derNatur durch Ueberliefecung der jungen Einbildungskraft immer neu be-leben. Stellt die Gegenwart neue Großthaten zu den vergangenen, so