44 Wirkungen d. Vvlkcrwand. auf d. geschichtl. Volksgcsaiig.
Willkühr nicht erlaubt, deren die aufrichtigen unter den mythologischenAuslegern selber geständig sind, die statt der strengen geschichtlichen Be-weisführung in ihrem Gebiete und für ihre Kritik ganz besondere Gesetzein Anspruch nehmen. Eine Mythe, die nicht aus einer geschichtlichenGrundlage hergeleitet, sondern auf einen physicalischen Kern zurückge-sührt werden soll, kann mit einiger Sicherheit nur dann gedeutet wer-den, wenn sie nachweisbar an einen festen Cultus geknüpft ist, der durchZeit und Ort ihren Sinn unzweifelhaft macht. Dies Bcurtheilungsmit-tel entgeht der deutschen Mythe. Und wenn es übrigens gegeben wäre,so würde die geschichtliche Kritik selbst dann voll Mißtrauen dagegensein. Ist doch, zum Beispiel, im späteren Mittelalter über niedersächsi-sche Städte Jahrhunderte lang etwas wie ein Gralrultus verbreitet ge-wesen : auf welche tiefsinnigen mythologischen Folgerungen müßte diesleiten, wenn man nicht zufällig wüßte, daß der Gral nichts als eine poe-tische Firtivn wäre. Sv könnte auch in den älteren Zeiten mancherheidnische Cultus in Niedcrdcutschland ausgenommen gewesen sein, demin dem wirklichen Glauben, in der Sitte und Sage der Völker, nichtsächt volköthümliches und einheimisches untergelcgen hätte. Einen sounsicheren Boden wird daher der Schreiber einer deutschen Dichtungs-geschichte um so lieber vermeiden, als er, der mit den geschriebenen Denk-malen der Dichtung sich beschäftigen soll, mit der ursprünglichen, münd-lichen Fortpflanzung und Wandelung der Sage, und ihren über- oderunterirdischen Gängen, strenggenommen nichts zu thun hat. Der größteTheil dieser deutschen Dichtungssage fällt ohnehin, nach dem Geständ-nisse der mythischen Deuter selbst, ganz außer dem Bereiche mythologi-scher Beziehung. Dazu kommt, daß jede Spur, die man in den älterenZeiten selbst von einer Deutung unserer epischen Dichtungen hat, immerauf geschichtliche Herleitung hinwcist. Auch würde es unfern mythi-schen Auslegern selber unglaublich scheinen, daß unsere alten Dichter,sei es der späteste Schreiber der Nibelungen oder der erste Sänger desHildebrandliedeö, jemals in ihren Sagen an Naturmythen oder beiihren Siegfried und Dietrich an Balder und Thor gedacht haben sollten.
Der allgemeine Grund, der mehr als alle einzelne Analyse für dieAnnahme einer geschichtlichen Grundlage der Nibelungensage entscheidet,ist für uns, was wir schon oben betonten, der Gesammtcharakter desdeutschen Volkes und aller seiner Sagen. Nach der mythischen Ansichtwäre die Sicgfciedsage aus einer älteren deutschen Göttermythe erwach-sen und (nach W. Müller) von den Burgunden aus ihren Ostsitzenschon an den Rhein gebracht und hier durch spätere geschichtliche An-