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Spuren der ältesten Dichtung
mit dem Amte des Sängerö unerhört. Bei keinem Mahle störte sernerden sanften Gesang, der ans milder Begeisterung floß, das rohe Einstim-men der Menge; die Masse singt bei Homer nie. Bei keinem Mahlehätte, wie nach Beda bei den Angelsachsen, die Harfe unter den Krie-gern berumgchcn können; im ganzen Chor der Freier spielt sie nichtEiner, kaum daß Achill der Leier kuudig genannt wird. Die Deutschenkannten nicht einmal Barden oder Skalden, denn es ist jetzt erwiesen,daß diese Sängerklassen nur den gallischen und nordischen Nationen eigenwaren, und daß wir diesen Jrrthum der gelehrten Vermischung dieserVölker und der Bardcnbcgeisterung in Deutschland zur Zeit der Denisund Kretschmann zu danken haben. Nicht einmal die wandernden Sän-ger, die ein Gewerbe aus der Kunst machten, wird man in den alten Zei-ten häufig suchen dürfen; dies scheint der Umstand zu beweisen, daß einfränkischer König den Theodorich um einen Harfcnsängcr ersuchenmuß2'). Wo aber diese gewerbsmäßigen Sänger Vorkommen, da er-scheinen sie in ihrem Verhältnisse zur höfischen Gesellschaft —. beschenktwohl für ihre Kunst und gesucht, aber zugleich ihrem Stande nach ver-achtet. Wenn man die Benutzung solcher Sänger zu Botendienstenbetrachtet, wenn man sieht, wie im Warinischen Gesetz für Verletzungder Hand eines Harfners das Wchrgcld um ein Vierthcil höher gesetztwird, was eher auf eine Geringschätzung als auf eine Auszeichnungdeutet, so sieht man, welch' ein ungemeiner Abstand ist zwischen derGeltung der Kunst und der Künstler hier und dem geheiligten Ansehender Dichtung und jener zarten Behandlung und ehrfürchtigen Scheu gegenden Sänger unter den Achäern.
Es gab also keinen Stand unter den Deutschen, dem die Pflege derDichtkunst besonders anvertraut gewesen wäre, oder gab cs ihn doch, soruhte auf ihm weder die Weihe noch auf seiner Kunst das Ansehen, wieim Alterthume; auch räumte ihm die Gewohnheit keineswegs das aus-schließliche Vorrecht des Singens und Dichtens ein. Vielmehr sang beiGelegenheit in Deutschland Jeder, der sich dazu aufgefordert fühlte, wienoch heute in einzelnen deutschen Landstrichen Jedermann ein Gelegcn-heitslicd zu machen weiß. Es sang der Mann vom Gewerbe, und eSbegegnet wohl, wie in der Dichtersage der Alten, ein blinder FrieseBernlef, der die Kämpfe der Könige und die Thaten der Alten zur Harfesingt^); es sang auch gelegentlich der König, wie der Vandale Gelimer,
31) Lnssioiloi'. Var. II. 40. k.
22) S. Liutger's Leben von Altfried ans dem 9. Jahrh. Pertz, man. II. 412.