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Spuren der ältesten Dichtung
bilvcn dcn Kern solcher alten Poesien, wie cs die jüngere Edda, diesenordische Poetik, wie cS die Bragarädr ausdrücklich bezeugen. Nicht mitganz so ungeheuren Bildern füllte wohl den Deutschen sein mittleres Kli-ma, wie dcn Nordländer das unendliche Meer, die hohen Eisberge undendlosen Nächte, und wie den Araber die Wüste, der stets Helle Nacht-Himmel und die bratende Sonne; man wird zweifle», ob der deutscheSänger mit stets so bereitem Fluge der Phantasie daS Reitthier zumSchiff, das Schiff zum Pferde gemacht hätte, seine Kämpfer zu Eichen,die Schwerter zu Schlangen, die Welle zur Schwester der Kühle, ob erim Schlachtgewühl seine blutdürstige Lanze zur Tränke geführt, in derSiegcrfrcude seinen Waffen Wein zu trinken gegeben, ob er das Blutbadmit einer Brautnacht, das Schlachtfeld voll Leichen mit einem leckerenMahle für Wölfe und Geier verglichen, ob er jetzt dem Tod ins Angesichtgelacht und dann Sturm und Unheil zum Kampfe gefordert hätte.Waren nicht eben ganz so grelle Dinge und nicht so oft der Stoff desdeutschen Gesanges, weil der Deutsche auch schwerlich so viel Heißhun-ger nach Rache hatte wie der Araber, noch so viel Grausamkeit wie derScandinave, der den Blntadler schnitt, so mag er doch auch freilich nichtviel milder gewesen sein. War seine Dichtung das Abbild seines Lebens,was konnte sie dann singen von den Männern, die mit so großer Wild-heit überall im Kampfe erscheinen — und ihr Kampf war ja fast ihrLeben —, überall mit jener fühllosen Todesverachtung, die ihnen, wieLuean schon sagte, ihr Glaube an Unsterblichkeit cinflößtc; was konntensic von ihnen singen, die mit jenem Ungestüm in die Schlacht wie zumTanze sprangen, die ihre Jugend mit einem Schandzeichcn behingen, ehesie einen Feind erschlagen hatte, die behend über mehrere Pferde wcgspran-gen, auf Schilden über Eisberge rutschten, Ströme ableitcten zum Grabeines Königs, Ströme in schweren Waffen durchschwammen, Strömemit ihren Schildern aufznhalten versuchten, von denen die Gallier imgewöhnlichen Berichte sagten, die unsterblichen Götter widerständen ihrerGewalt nicht. Auf das Entsetzliche und Schreckliche ging ihre Art desAngriffs, ihre Tracht, ihr Gesang, gewiß auch der Inhalt ihresGesangs.
Wir wollen von diesem Zeitraum nicht scheiden, ohne einige Be-merkungen mitzunehmcn, welche die wenigen Nachrichten, die wir überden Gesang der alten deutschen Stämme besitzen, an die Hand geben.Welch ein Unterschied ist doch zwischen dcn Erwähnungen der erstenSpuren des Gesangs und den Ansichten von Dichtung bei Griechen undGermanen ! Die Steine des Feldes und die Bäume des Waldes erhalten